Streng genommen feiert die Ente in diesen Tagen nicht ihren 50. Geburtstag, sondern ihren 63., doch einer Dame sieht es wohl jeder nach, wenn sie bei ihrem Alter etwas schummelt. Außerdem kann sie mit Fug und Recht behaupten, daß sie ihre endgültige Figur und Form erst vor 50 Jahren erhalten hat. Vorher war sie einäugig, hatte also nur einen Scheinwerfer, ihr Körper bestand aus dem Leichtmetall Duralinox, ihre beiden Türen hatten außen keine Griffe, waren also nicht abschließbar, und ihr Innenleben mußte mit einer Kurbel in Schwung gebracht werden. Das war der Vorgänger des 2 CV, der TPV (Toute Petite Voiture = ganz kleines Auto).
Im Jahr 1935 besuchte der Generaldirektor der Citroën-Werke, Pierre-Jules Boulanger, einen Wochenmarkt. Dabei fiel ihm auf, daß die Bauern und die Marktfrauen große Schwierigkeiten hatten, ihre Waren zu transportieren. Wer konnte sich damals schon ein großes Automobil leisten? Nicht nur, daß es teuer war, es war auch schwer zu fahren. Dieser Zustand muß abgeschafft werden, dachte sich Boulanger.
Er beauftragte den Leiter seines Konstruktionsbüros: "Lassen Sie einen Wagen entwerfen, der zwei Personen und einen Zentner Kartoffeln mit 60 km/h transportieren kann und nicht mehr als 3 l auf 100 km verbraucht. Der Wagen muß auf schlechtesten Straßen durchkommen, von Anfängern gefahren werden können und ein vernünftiges Maß an Komfort bieten."
Das, nach Angaben von Citroën, erste 3-l-Auto in der Geschichte des Automobils, gab es dann schon zwei Jahre später. Der TPV, der Vorgänger des 2 CV, wurde in Deutschland wegen seines einzelnen Scheinwerfers auf der grauen gerippten Motorhaube später respektlos die Piratenente genannt. Jahrzehntelang war die Existenz des TVP nur durch einige wenige Fotos belegt, denn als er endlich an den Käufer gebracht werden konnte, 1939, brach der 2. Weltkrieg aus und das kleine Wunderauto, der französische Volkswagen, sollte auf keinen Fall den Besatzern in die Hände fallen. Die 250 Prototypen mit ihren handbetriebenen Scheibenwischern, dem 375 cm3 Zweizylinder-Boxermotor und dem Dreiganggetriebe, deren Dach noch vom Frontfenster bis zur hinteren Stoßstange aufrollbar war, wurden vernichtet.
Die Vernichtungsaktion war, aus heutiger Sicht glücklicherweise, doch nicht so gründlich, denn 1968 tauchte die erste, zwar ramponierte, aber vollständig erhaltene Ur-Ente auf, und vor vier Jahren fanden sich auf einem Dachboden des Citroën-Testgeländes in La Ferté-Vidam, einem alten Adelssitz, drei weitere völlig erhaltende "Ur-Enten".
Nach dem Krieg setzte Citroën die Arbeit am TPV fort. Die Idee war zu gut, um sie aufzugeben. Drei Jahre später, im Oktober 1948, wurde auf dem Pariser Autosalon die Ente, der erste 2 CV, präsentiert. Es dauerte aber immerhin noch ein Jahr, bis der Deuche (kurz für deux chevaux = 2 CV), wie ihn die Franzosen nennen, dann auch gekauft werden konnte.
Doch der Erfolg stellte sich nicht gleich ein: Die Händler konnten sich mit dem eigentümlichen Gefährt, das einige als Konservendose bezeichneten und deshalb mit der Bestellung auch gleich noch einen Dosenöffner orderten, nicht so recht anfreunden. Doch nach diesen anfänglichen Absatzproblemen kam der 2 CV, gut ein Jahr nach Markteinführung, in den Rang eines Luxusgefährts: Wie bei einem Rolls Royce mußten sich Kaufwillige auf eine Wartezeit einrichten. 1950 betrug sie, trotz einer Produktionskapazität von 1000 Wagen pro Tag, gut sechs Jahre.
Der Siegeszug des häßlichen Entleins hatte begonnen. Waren die ersten Käufer mehr unter Handwerkern, Landwirten oder Freiberuflern wie Ärzten und Rechtsanwälten zu suchen, wurde der 2 CV 20 Jahre später, Ende der 60er Jahre, vor allem von jungen Leuten, von Studenten und Intellektuellen gefahren und noch einmal zehn Jahre später eroberte die Ente den Zweitwagenmarkt.
Sie war das ideale Gefährt zum Einkaufen oder, um die Kinder aus dem Kindergarten abzuholen. Für manche, wie den früheren Bundespräsidenten Walter Scheel, war die Ente das ideale Urlaubsgefährt, und der französische Filmstar Brigitte Bardot fuhr mit ihrer Ente zu den ersten Einsätzen zur Rettung bedrohter Tiere. Auch die Filmindustrie fand Gefallen an dem Kultauto. Selbst James Bond, technisch immer auf dem letzten Stand, konnte sich mit dem vergleichsweise einfachen Fortbewegungsmittel 1981 in dem Film "For Your Eyes Only" in Sicherheit bringen.
Über 30 Versionen entstanden in den mehr als 40 Jahren, in denen der 2 CV gebaut wurde. 1951 erhielt das damals noch graue Modell z. B. abschließbare Türen, 1961 bekam die zerknitterte Entendame ein Lifting: Ihre Motorhaube erhielt das fünfrippige Design. Zum 25. Geburtstag, inzwischen war sie nicht mehr grau, sondern erstrahlte in grell-bunten Popfarben, wurde ihr Hubraum erhöht. Mit stolzen 29 PS wurde die Jubiläumsausgabe ausgestattet, die von einigen deutschen Entenfreunden liebevoll Renn-Erpel genannt wurde. 1975 paßte sich der 2 CV der allgemeinen Mode an und verabschiedete sich von den runden Scheinwerfern, ein Umstand, den eingefleischte Entenfans übel nahmen.
Auch andere technische Neuerungen, wie die "unverstellbare" Gemischeinstellschraube (1977), Scheibenbremsen vorne und einen Starterknopf mit Kontrolleuchte (1982), fanden bei den harten Fans nicht den gebührenden Anklang.
Je mehr die Ente technisch aufgerüstet wurde, desto weniger hatte sie mit dem Vehikel zu tun, das Abenteurer um die ganze Welt gebracht hatte, und das sich mit einem Satz Schraubenzieher, Papiertüchern, einer Spraydose Kriechöl und viel Phantasie wieder in Schwung bringen ließ. Trotz den Neuerungen konnte die Ente am Ende doch nicht mithalten. Bei aller Findigkeit der französischen Konstrukteure - der Katalysator bereitete der Ente das Ende, außerdem erzielte sie im Crashtest katastrophale Ergebnisse, und ein Airbag war in ihrem Innenleben schon gar nicht unterzubringen. 1990 lief die letzte Ente in Portugal, wohin die Produktion 1988 verlagert worden war, vom Ba
K. MARTIN