Tschaikowskis Pathétique, 3. Satz
Die 6. Sinfonie von Peter Tschaikowski ist unbestritten eines der absoluten Meisterwerke der Musikgeschichte. Der dritte Satz ist von einer derartigen Sprengkraft, dass es den Hörer nahezu vom Stuhl wirft.
Was steckt in diesem Satz an Energie! Es ist überbordende Lebenslust, es ist unheimliche Disziplin und Zucht des Marschrhythmus, es ist exzessive Leidenschaft bis an die Grenzen der Ertragbarkeit, es ist militärisch grausame Unerbittlichkeit, Unausweichlichkeit, Fatalismus – maximale Euphorie, in der latent maximale Zerstörung steckt.
Musikalisch lassen grüßen Bruckners Scherzi (man achte auf die gespenstisch dahineilenden Triolen in den Streichern, die staccato getupften Quarten in den Holzbläsern und die aufblitzenden Blechbläsereinwürfe), Schostakowitschs motorisch unerbittliche Rhythmen, Tschaikowskis Nussknackersuite mit ihren Miniaturdramen (insbesondere der Marsch).
Wir wollen das Finale des Satzes unter die Lupe nehmen.
Wie inszeniert Tschaikowski die außerordentliche Stringenz der Steigerung?
Ein einsamer Paukenwirbel über einen vollen Takt (195) leitet die finale Steigerung ein.
PaukenwirbelDaraufhin baut Tschaikowski zwei groß angelegte Steigerungen auf, die jeweils im zweimaligen Erscheinen des Hauptthemas gipfeln.
Die erste Steigerung beginnt mit einer aufwärts geführten Sequenz des Kopfmotivs, gepaart mit einer treppenartig aufwärts führenden Linie in den Streichern und später Blechbläsern – vom pp bis ins fff (T. 214) crescendierend.
Auf dem Höhepunkt angekommen, verselbstständigt sich die rhythmische Energie des Kopfmotivs in immer stärker geballten Synkopen (in Bläsern und Streichern) und Triolenrepetitionen (in den Streichern à la "Sacre"!).
HöhepunktDieser erste Höhepunkt entlädt sich furios in immer enger korrespondierenden Wellenfiguren - wie ein Wirbelsturm - in Streichern und Holzbläsern (T. 221ff), um Raum zu schaffen für das triumphale Erscheinen des vollständigen Hauptthemas (T. 229).
Wirbelsturm und HauptthemaDer Nachhall auf das Thema (bis T. 254) ist durch Rückungen gekennzeichnet.
Nachhall
Ab T. 255 bahnt Tschaikowski erneut einen Weg für das Hauptthema. Dieses Mal beginnt er mit voller Kraft (fff).
Vier chromatisch aufsteigende Töne, zwei raumgreifende Halbe, gefolgt von zwei energischen Vierteln (als Achteln mit Achtelpause) fungieren als Signal "Achtung, Weg frei".
Es folgt, wie ein verschrecktes Aus-dem-Weg-Fliehen, eine schnelle Abwärtsbewegung in Sechzehnteln. Die Hörner begleiten dies mit einer Bekräftigung der "Warnung".
FluchtbewegungNach dreimaligem Warnen ist im übertragenen Sinne der Weg freigeräumt, und Tschaikowski kann nun den roten Teppich auf voller Länge fast im wörtlichen Sinne "ausrollen". Er nutzt dazu das Signalmotiv, das er nun in einem Geniestreich zu einer aufwärts strebenden chromatischen Skala von 18 Tönen Länge ausbaut. Deren erste 14 Stufen werden jeweils durch ein viertöniges Sechzehntelmotiv eingeleitet: ganz plastisch als Metapher des Ausrollens von Teppichen...
chromatische Skala als "roter Teppich"Für mich ist dies eine der beeindruckendsten musikalischen Inszenierungen des Satzes.
Fanfarenhaft kündigt sich daraufhin erneut das Thema an (T. 275ff) und erscheint in Gänze (T. 283).
Auch dieses Mal folgt dem Thema ein Nachhall, eine Schwelgerei in Harmonien in Form einer chromatisch fundierten Sequenzierung eines Nebenmotivs. Eingebettet ist dies in einer wellenförmigen simultanen Auf- und Abbewegung in den Begleitstimmen, die bereits auf ein Entladen von Energie hinweist. Am Ende (T. 312) ist die maximale Lautstärke (ffff) erreicht, die Coda eingeläutet.
Übergang zur CodaDie finale Steigerung des Kopfmotivs (ab T. 316) wird kontrapunktiert durch ein ruhiges, feierliches, gegenläufiges Motiv in den Blechbläsern.
Dieses erinnert stark an das finale Motiv aus Beethovens Schicksalssinfonie: hier wie dort die viertönige Abwärtslinie mit einem langen Anfangston.
Schließlich folg die endgültige Entladung – hier ganz traditionell nurmehr allein mit dem Kopfmotiv des Themas (T. 330). Dieses wird garniert und abgeschlossen von wellenartigen Auf- und Abwärtsbewegungen, die hier in ihrer Banalität nahezu brutal wirken – so die simple absteigende Durtonleiter in den Blechbläsern (T. 338ff).
endgültige EntladungNebenbei bemerkt sei, dass das Schlussmotiv aus Triole und Achtel – vielleicht zufällig – an Beethovens Klopfmotiv aus der fünften Sinfonie erinnert. Nicht zufällig jedenfalls ist in beiden Sinfonien der autobiographische Zusammenhang und die Schicksals-Programmatik.
gesamte finale Steigerung
18.09.2005 Copyrights: Christian Klapper - Audio-"Zitate" unterliegen prinzipiell Urheberschutz, auch wenn hier nur ausschnittweise und in komprimierter Qualität (mp3 mono 64kB) - über endgültige Rechtslage diesbezüglich bin ich leider nicht informiert und freue mich über kompetente Informationen!