Wenn man vom Ursprung der Irrgärten spricht, kommt man an der
Sage vom Minotauros aus der griechischen Mythologie nicht vorbei.
Will man den Geschichten Glauben schenken, so hat ein gewisser
Daidalos das erste Irrgarten-Labyrinth erfunden.
Aber lesen Sie selbst:
Die Sage vom Minotauros
Zeus und die von ihm nach Kreta entführte Prinzessin Europa hatten
zusammen drei Söhne. Ihr Erstgeborener Minos wurde zum ersten König
Kretas bestimmt. Dieser heiratete Pasiphae, die Tochter des Helios. Sie
waren glücklich und regierten weise. Kreta entwickelte sich unter
Minos zu einer bedeutenden Seefahrernation.
Eines Tages sprach Minos zu Poseidon, dem Meeresgott, daß er ihm
einen Stier opfern möchte, aber kein Tier finden könne, welches
makellos und deshalb dieses Zweckes würdig wäre.
So ließ Poseidon einen weißen Stier aus dem Meer auftauchen. Dieser
war so perfekt, daß es Minos nicht fertig brachte ihn zu schlachten.
Er versteckte ihn und opferte an dessen Stelle einen anderen Stier.
Poseidon bemerkte natürlich den Betrug. Er war rasend vor Wut. Als
Strafe für Minos verzauberte er Minos Frau Pasiphae, die von nun an von
einem unbändigen Verlangen nach dem göttlichen Stier verzehrt wurde.
Völlig benommen von dem Gedanken sich dem Stier hinzugeben, offenbarte
sie sich Daidalos, einem am Hof angestellten sehr erfindungsreichen
Künstler und Baumeister. Dieser baute für sie eine sehr lebensechte
hölzerne Kuh, die einen Hohlraum enthielt. Mit Hilfe dieser Attrappe
wurde ihr Wunschtraum wahr. Sie empfing den Stier und im gleichen
Augenblick fiel der Zauber von ihr ab.
Aber auch wenn sie Daidalos alle Schwüre abnahm, nie irgend etwas
davon zu erzählen, es war zu spät. In ihrem Leib wuchs ein Monstrum
heran.
Mit der Entbindung wurde es offenbar. Sie gebar einen Sohn, von den
Schultern bis zu den Füßen völlig gesund und normal, aber mit dem
Kopf eines Kalbes.
Minos, der nun alles erfuhr was passiert war, nahm die Schuld auf
sich und verzieh seiner Frau. Sie beschlossen den Neugeborenen
Asterion nennen. Allerdings erfuhr das Volk trotz aller
Vorsichtsmaßnahmen sehr schnell, was im Palast passiert war. Sie
gaben dem Wesen ihren eigenen Namen: Minotauros, kombiniert aus
dem Namen seines vermeintlichen und seines tatsächlichen Vaters.
Der Säugling entwickelte sich sehr rasch nicht nur rein äußerlich
zu einem Monstrum. Er biß seinen Ammen in die Brust und einer biß
er die Finger ab, die er anschließend genüßlich verspeiste. Er aß
bald nur noch rohes Fleisch, ausgenommen Rinderfleisch. Dann
verlangte er seine Speisen lebend vorgesetzt zu bekommen, und
erhielt er nicht, was er begehrte, wurde er rasend und schlug
alles kurz und klein.
Man kettete ihn an, aber er riß sich frei. Man versuchte ihn zu
töten, aber seine Haut hielt allen Pfeilen stand, und im Nahkampf
konnte keiner gegen ihn bestehen.
So beauftragte Minos seinen Baumeister Daidalos ein hochkompliziertes
Labyrinth zu erbauen, in welches man den Minotauros einsperren wollte.
Freiwillig sogar zog der Minotauros in das Labyrinth, nachdem man
ihm zugesichert hatte, jedes Jahr sieben Jünglinge und sieben
Jungfrauen unter achtzehn Jahren ins Labyrinth zu schicken, aus
dem sie nie wieder hinausfinden sollten.
Nachdem Androgeos, ein Sohn des Minos, während der Panathenäen
getötet wurde, unternahm Minos einen Rachefeldzug gegen Athen.
Er drohte die Stadt zu zerstören, ließ sich dann stattdessen aber
einen jährlichen Tribut liefern, nämlich die Opferleistung an den
Minotauros, sieben Jungen und sieben Mädchen.
Jedes Jahr wurde das Los geworfen, welche der fünfzehn bis
achtzehnjährigen Jungen und Mädchen ihre Schicksalsreise antreten
müssen. Nahezu jede der Athener Familien hatte schon mindestens
einen Angehörigen opfern müssen. Das Leid der Eltern und die Trauer
der ganzen Stadt waren groß.
So faßte der sechzehn Jahre alte Theseus den Entschluß, sich im
nächsten Jahr freiwillig zu melden, um dem Minotauros ein Ende
zu bereiten. Niemand glaubte daran, daß es ihm gelingen könnte,
und nur widerwillig ließ sein Vater ihn ziehen. Er gab dem Schiff,
das traditionell unter schwarzen Segeln fuhr, weiße Segel mit, die
bei der Rückkehr als Zeichen des Erfolges gesetzt werden sollten.
In Knossos auf Kreta angekommen, wurden die Jungen und Mädchen zum
König gebracht. Minos erklärte ihnen den Ablauf und die Umstände der
Opferung. Sie würden einzeln im Abstand von vier Wochen ins Labyrinth
geschickt und dürfen nichts, auch keine Kleidung, mitnehmen.
Sie durften sich bis dahin frei in der Stadt bewegen, diese aber
nicht verlassen. Sie wurden gut behandelt und aßen am Hofe.
Dort begegnete Theseus Ariadne, der Tochter Minos, und beide
verliebten sich unsterblich ineinander. Er erzählte ihr, daß er
gekommen war, um den Minotauros zu töten, und gemeinsam schmiedeten
sie Pläne, wie dies gelingen könnte. Ariadne besorgte heimlich ein
Schwert und gab ihm auf Anraten von Daidalos ein großes rotes
Wollknäuel. Beides versteckten sie am Eingang des Labyrinths hinter
ein paar lockeren Steinen.
Als der Tag kam, an dem Theseus völlig nackt in das Labyrinth
geschickt wurde, nahm er Schwert und Wollknäuel aus dem Versteck
und band ein Ende des Fadens an das bronzene Gitter des Eingangstores.
Den Faden abwickelnd begab er sich in das Labyrinth. So erkundete
er die Umgebung und prägte sich die Gänge ein.
Natürlich hoffte er
nicht zu bald dem Minotauros zu begegnen, um dessen Vorteil der
Ortskenntnis wenigstens etwas zu verringern. Der rote Faden
leistete sehr gute Dienste sich zurechtzufinden. Er zeigte ihm,
in welchen Gängen er schon gewesen war und in welchen noch nicht.
Schließlich stand er vor ihm. Der Minotauros. Halb Stier, halb Mensch.
Eine blutrünstige Bestie, hochaufgerichtet wie ein Mensch, aber mit
mächtigem Stierkopf und langen Hörnern. Die Jagd begann. Das
Monstrum raste hinter Theseus her, dieser konnte aber immer wieder
in einen der Seitengänge entwischen, von wo aus er dem Minotauros
zusetzte. Mit viel Mut und etwas List gelang es Theseus schließlich
den Minotauros zur Strecke zu bringen.
Mit Hilfe des roten Fadens fand Theseus zurück zum Ausgang, wo ihn
Ariadne erwartete. Sie versorgte seine Wunden und gab ihm seine Kleider.
Natürlich wollten Ariadne und Theseus zusammen bleiben, aber ihnen
war klar, daß Minos, ihr Vater, sie niemals mit ihm gehen lassen
würde. So griffen sie zu einer List, um die Hafenwachen abzulenken
und flohen von Kreta.
Sie waren glücklich zusammen und planten ihre Zukunft.
Aber des
Nachts träumte Theseus von Dionysos, daß dieser beabsichtige,
Ariadne selbst als Frau zu nehmen und ihm deshalb befahl Naxos
anzulaufen. Theseus brach zwar das Herz, er wagte aber nicht,
sich einer Gottheit zu widersetzen. So ließ er Ariadne, während
sie schlief, auf Naxos zurück und segelte heim nach Athen.
Über seinem Kummer vergaß er aber die weißen Segel setzen zu lassen.
Als Aigeus, Theseus Vater, die Todessegel zu Gesicht bekam, stürzte
er sich über die Klippen in die Brandung des Meeres, welches bis
heute nach ihm benannt ist.
Theseus wurde König von Athen und nahm an vielen weiteren Kampfzügen
und Unternehmungen teil. Er erntete viel Ruhm und Ehre, erlebte aber
auch Verrat, Schande und Leid. Im Alter wurde er aus Athen vertrieben
und schließlich auf Skyros ermordet.
Ariadne wurde tatsächlich die Frau des Dionysos. Ihr Vater konnte
Daidalos nicht verzeihen, daß dieser seiner Tochter den Rat mit
dem Wollknäuel gegeben hatte. Daidalos wurde unter Arrest gesetzt,
von wo er gemeinsam mit seinem dreizehn Jahre altem Sohn Ikaros
floh.
Hierzu baute er aus Vogelfedern und Bienenwachs Flügel mit
denen sie davon flogen. Der jugendliche Übermut ließ Ikaros immer
weiter hinauf in die Lüfte steigen. Und als die zu warme Sonne das
Wachs der Flügel zerschmolz, stürzte Ikaros ins Meer. Daidalos gelang
die Flucht nach Sizilien, wo er bei König Kokalos in Dienst trat.
Als Minos ihn dort aufspürte und seine Auslieferung forderte, wurde
dieser von seinen Gastgebern ermordet. Fliegen gelernt haben die
Sizilianer dennoch nicht. Daidalos hatte sich nach dem Tode seines
Sohnes geschworen, nie wieder Flügel herzustellen.
Übrigens sollen auf Kreta tatsächlich Reste eines etwa 3000 Jahre
alten Labyrinths entdeckt worden sein.
Diese mythische Sage wurde nacherzählt unter zu
Hilfenahme folgender Webseiten:
Das schwarze Netz - Minotaurus
www.mythologica.de
Das Tagebuch des Herakles; Erlebnisse und Gerüchte; 3. Kapitel
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