Jodeln, Überschlag, Klavierspielen und auch ein bisschen rudern

die DIENSTAGGRUPPE  WRVB auf Wanderfahrt im Weserbergland    (13. – 17.06.2001)


Der Prolog:

Unsere Geschichte beginnt vor 15 Jahren. Damals, als die Welt noch schöner, die Frauen lieblicher und die Wasser noch klarer waren. Damals also, als die DIENSTAGGRUPPLER noch jünger, die Haare schwärzer und die Bäuche dünner waren. Nein, das Vergangene ist nur durch die Erinnerung schöner – und Erinnerungen haben wir an die erste Wanderfahrt auf der Weser – eben vor 15 Jahren- viele. So zum Beispiel die Suche nach der geeigneten Einsatzstelle, die Wanderung bergauf nach Fürstenberg zur Porzellanmanufaktur, die Mittagspause in Holzminden und natürlich an einen verregneten Spaziergang durch Hameln, die Stadt ohne Ratten und Kinder. Der Klassiker allerdings, der zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit länger und breiter getreten wird, ist die Geschichte des „Blauen Sacks.“ Der blaue Sack, er flog - der Schreiber hatte ihn geworfen - von einem Boot zum nächsten und landete in des Flusses Mitte. Der blaue Sack mit Kamm, Geld und Pass, er begann zu sinken. Wibs, der Besitzer, begann zu schwitzen und zu toben, der blaue Sack wurde gerettet und der Schreiber, er sorgte für eine strapazier-fähige Anekdote. Und eben auf diesem Schicksalsfluss waren wir wieder unterwegs – wir hatten lange nicht den Mut dazu.

Das Set:

Fronleichnam 2001.
Die Eingewöhnung:
1. Etappe auf der Fulda von Kassel nach Hannoversch – Münden
 (30km)
Die Knochenharte:
2. Etappe auf der Weser von Hann.-Münden nach Beverungen
 (50km)
Der Ausklang:
3. Etappe von Beverungen nach Holzminden  (30km)

Die Dramatis Personae:

Kurt, der Beobachter       Wibs, der Weise
Christiane, die Kompetente     Hansi, der Besonnene Walter, der Explosive       Christian, der Unreife
Peter, der Praktiker        Michael, der Galante
Jürgen, der Sanftmütige       Lothar, der Tyrann

Sie kamen aus allen Himmelsrichtungen, aus vielen Schichten und Generationen. Multikulturell könnte man sagen – also im Trend des neuen Jahrtausends – oder lieber nicht, weil multikulturell ein Reizwort? – auch Leitkultur? Darüber wäre zu rezitieren, aber ich habe über ein Ereignis und nicht über Ereignisse zu berichten. Also, wir trafen uns an diesem 13. Juni schlenderten durch Beverungen, überquerten, auf Wunsch von Wibs, die Weser, auf dem Brückenschlag sozusagen von Land zu Land. Man soll Gelegenheiten nutzen, meinte Wibs – recht hat er. Brücken haben etwas besonderes – sie verbinden und so gesehen war die Überquerung der symbolische Auftakt für die kommenden vier Tage des gemeinsamen Tuns.

Der Plot:

Es begann, wie es beginnen musste. Uneinigkeit ob des Weges zur RG Kassel, wo die Barke „Deutschland“ für uns bereit lag. Zehn Personen – elf Meinungen. Eine Landkarte – eine Lösung - letztendlich Meinungsvielfalt bereichert. Auch im Ruderboot, be-sonders bei schwierigen Manövern? Vorbei die Zeiten, da der Steuermann die Befehle gab, wir leben ja schließlich in einem Land das so stolz ist auf seine demokratische Verfassung. Freies Rudern für freie Bürger! Zum Teufel mit der Demokratie im Ruderboot! Der Steuermann ist der Herr, die Ruderer die Sklaven! Aber wer traut sich, heute so etwas noch zu sagen? Aber dennoch - zurück zu Befehl und Gehorsam! Ein Ruderboot wird absolutistisch regiert!
Nun gut, zurück zum Tagesgeschäft.
Schnell waren das Gepäck – ein Hemd und ein Höschen, Tagesverpflegung, Rotling, Wasser, Bier und ein Stück Schaumgummi für das Gesäß - verstaut, die Riemen gefettet und der imaginäre Anker gelichtet. Es ging neuen Abenteuern entgegen. Vorbei an Alt, Neu, Schön und Hässlich, vorbei an Dokumenta-Kunst trat die Barke ihre Reise durch Kassel an. Weiter durch das Hannoversche Tor mit landschaftlich eindrucksvollen Partien zwischen Rein-hardswald und Kaufunger Wald. Das Wetter (man muss auch mal über das Wetter reden dürfen) war sonniglich-lieblich, manchmal ein sanft windig: Ideale Bedingungen für eine Wander-fahrt. Doch mit dem Fluss hatten wir zu kämpfen – er warf uns Knüppel (sprich Staustufen) in den Weg. Auf der Strecke Kassel - Hannoversch Münden sind fünf Schleusen zu überwinden, was ein zügiges Vorankommen erschwert. Auch ist die Fließgeschwindigkeit der Fulda gleich null. Also: harte Arbeit für Körper und Geist. 30 echt geruderte Kilometer, was wir von der Strecke auf der Weser nicht behaupten können.

In der Schleuse in Wilhelmshausen wurde Wilhelm Wibs Brunner zum „Ehrensteuermann“ ernannt. Nomen est Omen. Mit Riemen hoch und Hipp, Hipp Hurra. Wie es sich gehört. Aus der Rede des Initiators: „Lieber Wibs, wieso hast du uns verschwiegen, dass du noch Ländereien, ja ganze Dörfer besitzt?“ Sollte ich an dieser Stelle weiter über Absolutismus schreiben? Nein, es gibt bessere Gelegenheiten. Glückwunsch, lieber Wibs, zu einer Ehrung, die von nun an in einem Atemzug mit sonstigen ruderischen Ehrentiteln genannt werden wird. Über 50 Jahre in der Ruderei, zuerst bei den Gesellen, später bei der WRGB und jetzt bei der WRVB, langjähriger Wanderruderwart und jetzt, im hohen Alter, noch treuer Dienstagsruderer, das gebührt zu einem „honoris causa“ der DIENSTAG-GRUPPE. Selten sind solche Ereignisse. Es ist mehr als eine Geste, es sind Anerkennung und Dankbarkeit.1986, bei der Fahrt von Bamberg nach Kitzingen, war es das letzte Mal. Damals wurde Karl Schierholt (†) unser Ehrenwanderruderer.

Endstation am ersten Tag mit Schwielen und Druckstellen an Händen und Hintern war der Mündener Ruderverein, dort freundlich begrüßt vom Hauswart, der im Stress zur Vorbereitung des Sommerfestes dennoch die Ruhe zu einem anregenden Pläuschchen fand. Hansi Ziegler, der Besonnene, nutzte den Augenblick, um das Skull- und Riemensortiment zu begutachten. Was er fand übertraf seine Erwartungen: Ziegler Skulls aus dem Jahre 1978 in bestem Zustand. Er wollte es wohl nicht recht zeigen, aber man konnte Stolz in seinen ruhigen Augen funkeln sehen.

Ausgeruht und wohl genährt (es war der Tag der zwei Frühstückseier) ging es dann auf die zweite Etappe, „die Knochenharte“ 50 km von Hannoversch Münden nach Beverungen, wo wir Quartier bezogen hatten. Kurz nach der Schleuse Hann.-Münden nullte man. Beim Zusammenfluss von Werra und Fulda beginnt die Weser ihre Reise bis in die Nordsee und von dort bis zu den fernen Gewässern der Weltmeere, bis hin zu Abenteuern bei fremden Geistern und Landen, bis hin zu Befreiungen schöner, brauner Prinzessinnen aus den Klauen feuerspeiender Drachen. Man kommt so schön ins Träumen beim Genießen von Landschaft, Wetter und Wein.

Sie glauben, diese Phantasien seien zu kindlich, zu märchenhaft? Mitnichten, in einer Gegend, in der Grimm’s Märchen ihre Wurzeln haben. Hier schlummerte Dornröschen, hier schüttelte Frau Holle ihre Kissen, hier verschwand die Oma in Wolfens Bauch. In stillen Vollmondnächten tanzt noch heute Aschenputtel mit ihrem Prinz und irgendwo im Bramwald ruft eine Hexe nach den Kindern. Wenn ich jetzt behaupte, wir haben das alles gesehen, dann sei erwähnt, dass an den Ufern der Weser auch Baron Münchhausen sein Zuhause hatte. Aber: wenn die Schwielen es erlauben, rudern sie noch heute.
Unsere erlaubten es. Trotz gegenteiliger Aussagen ruderten wir die
 50 km locker auf dem Hocker d.h. die Strömung von
4 km/h und der Schubwind taten das ihre, sodass sogar bei ausgiebigen Pausen Wasser gewonnen wurde. Doch - auch Sitzen macht müde und so kam es, wie es kommen musste: Unkenrufe der Vordermannschaft – „Einsatz“ oder auch „Endzug“ waren da zu hören. Die Hintermannschaft hörte es wohl, aber im Genuss des Augenblickes verloren sich die Rufe im Wind – zumal es keine Befehle vom Herrn des Bootes waren. Stiller Protest ist auch was Schönes. Unseren einzigen längeren Landgang an diesem Tag hatten wir in Bursfelde, einem ehemaligen Kloster (1093 durch Heinrich von Northeim gegründet) mit einem hübschen, noch erhaltenen romanischen Kirchlein. Knochen und Muskeln konnten in der angenehmen Kühle, unter Rundbögen mit mittelalterlichen Fresken gepflegt werden. Durch kleine Fenster schlichen Sonnen-strahlen ins Innere und spielten mit den wenigen Ornamenten. Die gesamte Reise war ein Fest für die Sinne, Appetithäppchen für die Seele. Es gehört zu dem Reiz dieser Landschaft, dass sie eine Ruhe und Gemütlichkeit ausstrahlt, die Sorgen vergessen lässt. Jürgen hat das auf den Punkt gebracht:

„Wenn es mir so gut geht, dann könnte ich jodeln, Klavier spielen, singen, einen Überschlag machen- alles auf einmal.“

Den Tagesausklang zelebrierten wir im Hessischen Hof, einem
****  Haus in der ehrwürdigen Stadt Bad Karlshafen – dort wo man um 1700 Hugenotten ansiedelte um, bereits damals, mit fremder Hilfe, Fortschritt und Wohlstand zu sichern.

Letztens erst war ich in Essen bei der Hügelregatta und konnte den Deutschland Achter bei der Arbeit sehen. Acht Mann wie einer. Es ist die Gleichschaltung des Rhythmus von Individuen, die das Rudern so ergreifend macht - nicht nur für Ruderer, auch für Zuschauer.

Flopp – schischt – Zack - weg – ‚Gänsehaut’.
So rudern halt Profis.

Eine Barke aber ist ein genügsames Wesen, deshalb wurde sie ausgesucht. Sie verzeiht es, wenn auf ihr acht Individualisten ihren eigenen Takt schlagen – so eben wie es ein jeder kann. Der Schlagmann ist weit, die Landschaft zu reizvoll, das Hinterteil zwickt – nicht immer kann man da auf Einsatz und auf gleich lange Züge achten.

Floopp – schiiiiischscht – Zaack - weg-gg  ‚Freude’.
So rudern halt Individualisten.

Eine Barke wirkt wie ein Ungetüm aus vergangenen Zeiten. Keuchend und schnaubend, auf acht staksigen Beinen, wuchtig mit breitem Maul vertrieb sie alles was sich ihr in den Weg stellte. Wenn schon nicht absolutistisch, dann halt archaisch.
Doch die Weser wäre nicht die Weser, wenn sie nicht noch weitere unbekannte Wesen hervorbringen würde (Störche, Reiher und Füchse waren fast alltäglich): da gab es Wasserungeheuer, die aus-sahen als schwimmen sie auf aufgeblasenen Autoreifen mit Sonnendach, Grill, Kühlschrank, besiedelt von Unge-ziefer namens Homo sapiens. Eine Schwanzflosse diente zur Steuerung. Abenteuerlich, aber harmlos, da wenig angriffslustig. Da gab es unzählige Vorwärtsfahrer, einige Rückwärtsfahrer und bibliophile, kurzberockte Schönheiten, die auf ‚Niedrigwasserregulierungsbollen’ weilten. Scheue Wesen, die sich leider zu selten zeigten. Christiane wird es typisch männlich und machohaft finden – doch was war bitte mit dem Blick auf immer neu gestählte Männerkörper – der

„Wuerzburg Dream Boys On Tour“.
Nun ja - Kritische Selbsteinschätzung!

Der dritte und letzte Rudertag begann. Heute nur ein Ei, da nur 30 km von Beverungen nach Holzminden. Die Melancholie des Abschieds lag merklich in der Luft – der Männer Schale ist halt nur hart und so ergab es sich, dass die Barke trieb und trieb und trieb.
Das Bergland wellte träge am Ufer entlang, die Sonne schaute durch die Wolken, die Mannschaft döste, die Seele baumelte und sinnige und unsinnige Gespräche plätscherten von Bord zu Bord.

Zum 6-jährigen Paddler:
„Hallo Junge wie alt bist Du denn?
Der 6-jährigePaddler:
„Uff immer die selben blöden Fragen!“

Hektik kam erst auf, als die Anlandungsrampe in Holzminden in Sicht kam. Hansi, der Besonnene führte das Kommando und Jürgen, der Sanftmütige und Christian, der Unreife, waren zum Sprung in die militärische Sicherheitszone bereit. Polternd glitt man die Rampe hoch, die Seilschaft sprang und Jürgen legte das Achtern - Seil um den nächstbesten Baum. So weit so gut die Barke lag schräg im Fluss – doch rechtwinklig musste es sein. Nun denn – Muskel- gegen Wasserkraft. Hans und Christian mit Staakbäumen achtern, Lothar, bis zum Bauch im Wasser, am Bug, Peter und Walter hoffnungslos an den Maschinen und der Rest am Seil. Physik ist gefragt – Kraft und Winkel. Sechs Mannesstärken Kraft waren genug aber der Winkel zu spitz. Jaja, die Schule ist lange her... und der Baum der ist so nah. Befehle kamen von allen Seiten und verwirrten, entwirrten und verwirrten – frei nach der Melodie:
 „Ein Loch ist im Eimer“

„macht den Winkel grösser liebe Leute, liebe Leute, maacht ihn grösser“

das geht nicht lieber Christian, lieber Christian, das Seieil ist zu fest“

„dann mach es los lieber Jürgen, lieber Jürgen, dann maach es los“

„das geht nicht lieber Lothar, lieber Lothar, es häängt am Baum“

„dann fäll den Baum lieber Jürgen, lieber Jürgen, dann fääll den Baum“

Hier wäre nun wieder der Punkt für den Absolutismus. Nein. Wie war das mit den Windmühlen?

„... mit diesen Worten gab er seinem Pferde Rosinante die Sporen, ohne auf die Stimme seines Edelknaben Sancho zu achten, der ihm noch immer nachrief, dass es gewiß Windmühlen und nicht Riesen wären, was er angreifen wollte.“

Nun ja - manches ändert sich nie.

Die Aufgabe wurde letztlich doch gemeistert, die Barke geschrubbt, alles verladen und prompt fing es zu regnen an. Danke Petrus, dass du ein Herz für Ruderer hast. Wen wundert’s, war er doch einst ein Fischer.

Landfein besuchten wir das Kloster Corvey als ehemalige Reichsabtei 822, auf Wunsch von Karl dem Großen, durch Mönsche der westfränkischen Benediktinerabtei Corbie de Somme gegründet. Sehenswert ist das im karolinischen Baustil erhaltene Westwerk der jetzigen Klosterkirche.

Am Sonntag den 17. trafen wir uns zum letzten Frühstück (es sollte das Frühstück mit Champagner sein – aber hier hat der Organisator versagt) in der Pension Bevertal, einem gemütlichen, familiären Haus. Die Last der Rudertage war jedem ins Gesicht geschrieben – aber auch Zufriedenheit über eine gelungene Wanderfahrt und etwas Traurigkeit über den nahenden Abschied. Umärmeln, Servus, Aufwiedersehen – so einfach ist das nicht. Obwohl wir uns alle schon eine Ewigkeit kennen – in diesen Tagen sind wir uns ein weiteres Stückchen näher gekommen. Die Heimreisen wurden noch für Kulttouren unterbrochen – die Einen besuchten Hann.-Münden, die Stadt von Dr. Eisenbart und den 722 renovierten und dokumentierten Fachwerkhäusern, die Anderen die Hansestadt Höxter, die Klosterruine tom Roden (1148) in der Nähe des Räuscherberges, wo man um 1700 Wein und Hopfen anbaute, und den Karlstein aus der Zeit Karls des Großen, das Zeichen für die Christianisierung des Nordens oder sollte man Greueltaten sagen? – nun das ist eine ganz andere Geschichte.
 

Epilog:

Gutes Wetter + gute Laune = gute Fahrt. Die Rechnung ging auf. Auch die neue Anekdote „Der Baum und das Seil“ veranlasst durch Jürgen, dem Sanftmütigen, wird man sich noch lange erzählen – so wie die anderen „Diesel und der Ottomotor“, „Nick und der Brückenpfeiler“, „Wolfgang und der Haspel“ und viele andere mehr.

An dieser Stelle sei nun gedankt: Herrn Presson, Wanderruderwart der RG Kassel und Betreuer der DRV-Barke, für seinen freundlichen Empfang und die vorbildliche Vorbereitung; dem Hauswart des RC Münden für die herzliche Aufnahme; der Familie Wäsche (Pension Bevertal) für die nette Betreuung; den Organisatoren der Fahrt; den Steuerleuten und Ruderknechten und nicht zuletzt den heimlichen Sponsoren.
Und nun?  Auf geht’s zur Wanderfahrt 2002
Auf die Weser vielleicht, dem Schicksalsfluss, von Holzminden 150 km Richtung Bremerhafen, in der Woche zu Christi Himmelfahrt - oder (der Traum des Schreiberlings, dem Anglisten): auf die Themse von Oxford, vorbei an Henley on Thames (den Urgesteinen der Ruderei), Windsor Castle, Hampton Court Palace, Houses of Parliament zur Tower Bridge in London, nahe Big Ben, dort wo die Zeit immer am Richtigsten ist, dank einiger Pennies, die seit Jahren die Uhr im Gleichgang halten.        ©  Christian Bauer
 

Das Erlebnis der Fahrt     „. . . die Seele baumelt.“