Alles war ganz normal. Trotz der offiziellen
Risikoschwangerschaft wegen des Alters der Mutter gab es keinerlei
Schwierigkeiten. Die Ultraschalluntersuchungen und auch die
Fruchtwasseruntersuchung ergaben keine Unregelmäßigkeiten.So traf es uns völlig unvorbereitet, als
eines Morgens, 12 Wochen zu früh, plötzlich die Fruchtblase platzte. Also, ab
ins Krankenhaus. Der Muttermund hatte sich schon etwas geweitet. Das hieß:
Nur noch liegen! Die Ärzte machten uns Mut. Es gäbe Fälle, wo sich die
Fruchtblase wieder schließe. Letztendlich würde aber jeder Tag, den unser Kind
später auf die Welt käme, zählen.
Man schickte uns einen Arzt, der uns in einem
Gespräch mit dem Thema Frühgeburt konfrontierte. Er erklärte uns, welche
Chancen ein Baby mit 28 Wochen hätte. Dazu erhielten wir eine Broschüre mit
vielen Infos und Bildern über Frühchen. Darin wurde erklärt,
welche Maßnahmen bei so einem kleinen Kind erforderlich sind, wozu die ganzen
Apparate und Schläuche da sind. In der Nachbetrachtung haben wir festgestellt,
dass dieses Heftchen uns etwas von dem großen Schock, der noch kommen sollte,
genommen hat.
Doch zurück zu Christoph. Schließlich halfen
keine Medikamente mehr, 3 Tage später war die Geburt nicht mehr aufzuhalten. Wir
blieben erstaunlich ruhig dabei, die Mama hatte ja auch noch ein Medikament
bekommen für die Beschleunigung der Lungenreifung des Kindes. Also waren wir bestens gerüstet - bis auf die
nicht unwichtigen Hinweise, wie man denn nun das Kind bekommt. Der Kurs für uns
war ja erst viel später geplant. Aber das ging dann unter den
Anweisungen der Hebamme und des Arztes fast von allein. Nach etwa drei Stunden
war das Baby da, ganz natürlich, ohne Kaiserschnitt. Ganz kurz durfte es auf
Mamas Bauch liegen, bevor es aus medizinischen Gründen schnell von einem
anderen Arzt abgeholt wurde.
Nun begann das Warten. Wie geht es dem Kind?
Die Zeit verging im Schneckentempo. Dann der erste kurze Bericht: Es gehe ihm:
» ... den Umständen entsprechend gut. Er muss aber erst einmal beatmet
werden.« Alles klang recht positiv und uns ist ein kleiner Stein vom Herzen
gefallen.
Meine Frau durfte noch nicht aufstehen, und so
bot man mir allein an, doch mal zur Intensivstation der Neonatologie mitzukommen
und einen Blick auf meinen Sohn zu werfen. Wenn ich mir heute dieses erste Bild
ansehe, frage ich mich, wie ich das eigentlich damals ohne Tränen aushalten
konnte. Aber es kamen so viele verschiedene Gefühle zusammen, dass ich
»nur« fasziniert war von dem kleinen Lebewesen und sogar dieses
nervtötende Geräusch der Beatmungsmaschine überhörte. Da lag er nun in
seinem Brutkasten: 1240 Gramm schwer, knapp 35 Zentimeter groß. Und er lebte.
Wegen der vielen Schläuche und Pflaster war kaum etwas zu erkennen. Aber das war mir
in dem Augenblick egal.

Am nächsten Tag ist dann meine Frau allein zu
Christoph gegangen. Nach der nächtlichen Erschöpfung wurde ihr jetzt vor dem
Inkubator und all den Apparaten die Situation erst richtig bewusst. Diese
winzige Person, nicht viel schwerer als eine Tüte Mehl, das monotone Geräusch
des Beatmungsgerätes, die vielen Monitore... (Die eindringlichen Alarmtöne
dieser Geräte haben wir heute noch im Ohr.) Meine Frau war in diesem Moment
nervlich am Ende.
Als ich im Laufe des Vormittags im Krankenhaus
ankam, galt natürlich meine erste Frage dem Befinden unseres Sohnes. Die Antwort
war allerdings nicht so, wie ich sie erhofft hatte. Der Zustand war ziemlich
kritisch. Das Lungenmedikament hatte nicht gewirkt, da Christoph mit einer
Lungenentzündung zur Welt kam, die die Wirkung zunichte machte. Die
Röntgenaufnahme war eine Katastrophe und man sagte uns, wir müssten die
nächsten Tage abwarten und die Wirkung der Antibiotikagaben.
Es begann eine Zeit, in der unser Privatleben
fast zum Erliegen kam. Meine Frau durfte nach ein paar Tagen nach Hause und von nun
an waren wir täglich drei- oder viermal im Krankenhaus. Morgens von 8 bis 9
Uhr und um 12 Uhr die Mama, gegen 15 Uhr der Papa und abends von 18.30 Uhr bis 20 Uhr oder
länger wir beide zusammen. So sehr, wie uns zu Anfang jeder Alarm erschreckte,
so vertraut wurden wir mit der Zeit mit all den vielen Geräten, und ein Blick
auf unseren Sohn und die Anzeigen genügte, um zu wissen, wie es Christoph ging. Leider
besserte sich sein Zustand nur ganz langsam (jedenfalls nach unseren Vorstellungen).
Wieder und wieder wurde unser Kind geröntgt (am Ende waren es 14 Aufnahmen!).
Anhand dieser Aufnahmen versicherte man uns, dass es bergauf gehen würde. Wir
wollten es nur zu gern glauben.
Er sah so klein und zerbrechlich aus im
Inkubator. Sicher, es war alles da und an seinem Platz, aber so winzig. Ich war
mir nicht sicher, ob ich es schaffen würde, ihn anzufassen, wenn ich die Gelegenheit
hätte. Es war wie eine Barriere. Sehr bald aber wurde mir diese Entscheidung
abgenommen. In den ersten Tagen lag unser Sohn nackt in seinem »Bett«,
nur mit einer Folie zugedeckt, und wurde regelmäßig eingecremt. Plötzlich
sagte eine Schwester:» So, und nun cremen sie mal ihren Sohn ein!«
Tja, sollte ich nun eingestehen, dass ich mich nicht traute? Also ergriff ich die
Flucht nach vorn. Es war schließlich ganz leicht. Ein tolles Erlebnis, meinen
Sohn zu fühlen. Und von dem Augenblick an war die Barriere weg und ich hatte
keinerlei Berührungsängste mehr.

Der erste große Schritt in Richtung Besserung war für uns nach ein paar Tagen die
Nachricht, dass unser Sohn nicht mehr beatmet werden musste, sondern nur
noch etwas Sauerstoff in die Nase bekam zur Atemunterstützung. Es wurde
sogar kurzzeitig versucht, ihn ganz allein atmen zu lassen, was aber noch
nicht so recht gelingen wollte. Immerhin waren wir mit diesem für uns
sichtbaren Fortschritt sehr zufrieden. Auch den Großeltern konnten wir
nun »zumuten«, ihren Enkel mal in Augenschein zu nehmen.
Etwa 14 Tage seit der Geburt Christophs waren
vergangen. Inzwischen kannten wir unseren Sohn schon so gut, um zu merken, dass
er irgendwie müde wirkte. Auch die Ärzte stellten das sehr bald fest. Und die
erschütternde Diagnose war: erneute Lungenentzündung! Die Röntgenaufnahme sah
so schlimm aus wie die erste nach der Entbindung. Erneute Beatmung, wieder
Antibiotikatherapie. Unsere mühsam erbaute kleine Welt aus Hoffnung und
Vertrauen brach auf dem
Flur der Intensivstation mit einem Mal zusammen. Meine Frau brach in Tränen aus
und wurde von den Schwestern versorgt, und ich nahm alle Kraft zusammen und ging
zum Gespräch mit der Ärztin. Ich erfuhr, dass es sich um eine neue ernste
Infektion handeln würde, und es nicht sicher sei, ob unser Sohn das schaffen
wird.
Am nächsten Morgen fiel es mir unendlich
schwer, das Telefon zu bedienen, um im Krankenhaus anzurufen. Christoph hatte
die Nacht gut überstanden. Nun fing alles von vorn an. Der lange Weg mit den
kleinen Schritten. Wir waren für alle noch so kleinen Anzeichen der Besserung
dankbar. Mut hat uns auch der Zuspruch einer anderen Mutter im Zimmer gemacht:
»Ihr Sohn schafft das schon!« Und es ging wirklich wieder bergauf.

Sehr bald konnte die Beatmung wieder eingestellt werden und auch die Atemunterstützung
blieb für immer längere Zeiträume aus. Wenn dann noch die Magensonde
gerade mal ab war, sah unser Sohn schon richtig gut aus. Immer
mehr wurden wir auch in die Pflege des Kleinen einbezogen. Das war durch
die kleinen Öffnungen des Inkubators gar nicht so einfach. Aber auch
darin hatten wir bald Routine.
Mehr als drei Wochen nach der Geburt war es dann endlich soweit: Ich durfte mein Kind
das erste Mal auf den Arm nehmen zum "Känguruhen". Das Gefühl
war unbeschreiblich. Dieses kleine hilflose Wesen auf meinem Körper zu
spüren, ihn festzuhalten - darauf mussten wir solange warten! Es war ein
ganz großer Augenblick.

Von nun an konnte es gar nicht schnell genug
gehen, aber es sollte noch einmal so lange dauern, bis wir ihn endlich mit nach
Hause nehmen durften.

Jetzt hatten wir jeden Tag für eine Weile
die Möglichkeit, mit ihm zu kuscheln. Dabei habe ich mich immer mit meiner
Frau abgewechselt, damit keiner zu kurz kam. Wir haben es uns im
Schaukelstuhl gemütlich gemacht und die Zeit genossen, die wir mit ihm
verbringen durften. Immer ein wenig in Sorge, dass vielleicht eine seiner Elektroden wieder Alarm schlagen könnte und er zurück in seinen
Brutkasten muss.
Der nächste große Schritt war der Umzug ins Wärmebettchen. Damit
hatten wir nun die Möglichkeit, praktisch ständig unser Kind hochnehmen
zu können oder einfach nur ganz nah bei ihm zu sein, ohne Scheibe davor.
Bald wurde unser Baby nun auch von der
Intensivstation auf die Wachstation verlegt. Hier hatten wir auch viel
mehr Ruhe, um uns mit Christoph zu beschäftigen. Auf zwei Dinge kam es
nun noch an: Er musste allein trinken lernen und ohne Pause allein atmen.
Das klingt so leicht, erforderte aber ein Höchstmaß an Geduld. Immer und
immer wieder haben wir ihm seine Flasche gegeben, aber es wollte einfach
nicht funktionieren. Bis dann eines Tages der Knoten platzte und es
plötzlich wie von selbst ging.
Und dann war da "nur noch" die Atmung.
Natürlich, man musste schon sicher sein, dass er zu Hause auch ohne Probleme
atmen würde. Aber jeden Tag, an dem wir ins Krankenhaus kamen, waren neue Aussetzer in seiner
Atemtätigkeit bemerkt worden. Aber auch die wurden immer seltener, bis es dann
hieß: »Am Freitag ist es soweit!« Doch einen Tag vorher wurde unsere Freude
nochmal gedämpft, denn um ganz sicher zu gehen, sollte er doch noch übers
Wochenende bleiben. Schweren Herzens haben wir das natürlich eingesehen. Und
nach einem ganz langen Wochenende hatten wir drei es dann wirklich
geschafft: Christoph durfte zwei Monate nach seiner Geburt (noch immer mehr als
drei Wochen vor dem errechneten Termin) nach Hause.
Und so kam er dann zu Hause an. Es war einer unserer glücklichsten Momente.
Das ist inzwischen zehn Jahre her. Seitdem hat sich Christoph prächtig entwickelt.
Bis auf eine gewisse Bronchitis-Anfälligkeit haben wir keine Sorgen mit ihm. Den Vergleich mit Gleichaltrigen braucht er überhaupt nicht zu scheuen. Dafür
sind wir dem gesamten Team der Neonatologie, den Ärzten und Schwestern
unendlich dankbar. Aber auch den Mitarbeiterinnen der Elternberatung, die für
uns immer ein offenes Ohr und aufmunternde Worte hatten.
Ich kann Ihnen keine Ratschläge zum Verhalten
in so einer schwierigen Zeit geben. Was mir wichtig erscheint, ist, so oft wie
möglich bei Ihrem Kind zu sein. Stellen Sie den Ärzten und Schwestern alle
Fragen, die Sie bewegen, um Zweifel und Ängste so weit wie möglich abzubauen.
Und verlieren Sie nie die Hoffnung.
Hier noch ein Foto von Christoph im Alter von drei Jahren und zehn Monaten.