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Ich weiß, daß es nichts mit dieser „Jahreszeit“
zu tun hat, wie fälschlicherweise angenommen wird. Es hat vielmehr
mit dem „pawlowschen Reflex“ zu tun, daß die meisten Menschen ihre
Grundnervigkeit und Trägheit um eine komplette Packung steigern, sobald
von Weihnachten die Rede ist, X-Mas-Doping. Ich könnte wetten, daß
man dasselbe Ergebnis wie im Dezember auch mitten im Sommer erzielen könnte,
wenn nur irgendein cleverer Geschäftsmann auf die Idee käme,
seinen Laden mit Weihnachtsmusik zu beschallen und ein paar Lichterketten
in die Auslagen zu hängen. Gut 93% der Hilfshumanoiden würden
sofort damit beginnen, Notgeschenke zu horten und sich stundenlang mit
aufgesetzter Freundlichkeit gegenseitig den Vortritt lassen (aber nur den
Leuten, die es nicht wirklich eilig haben).
Mitten in einer Schlange, die sich aus heiterem Himmel am 22.12. in
einem beliebigen Laden gebildet hat, kommt man manchmal auf solche Gedanken,
ich kann einfach nichts dafür. Was soll ich machen, hier steh’ ich
und bin mir nicht einmal sicher, ob es da vorne auch wirklich zur Kasse
geht, Schild seh ich jedenfalls keines. So könnte es damals in der
Ostzone gewesen sein, die
Leute stehen an, ohne zu wissen, was es am Ende eigentlich gibt. Sind es
Autoersatzteile, Kacheln oder Kühlschränke? Egal, es muß
ein knappes Gut sein, sonst würden die anderen ja hier nicht stehen.
Immerhin haben die Großfamilien mit ihren zapahappeligen Rotzbälgern
genau wie ich beide Arme so voll mit Eingekauftem, daß ohnehin nichts
mehr in den Konsumrolls paßt, also muß es in dieser Schlange
zur Kasse gehen. Ich hätte ja auch einen Wagen genommen, aber für
die haben ganz Verwegene angeblich bereits die Nacht vor dem Laden kampiert.
„Horst, hast Du an ein Geschenk für Omma gedacht?“ „Nee, ich dachte,
Du ...“ Geschenke, für Leute, die einem erst beim dritten Mal Nachdenken
einfallen, spitzenklasse! Jetzt darf Horst nochmal lostigern und der Ollen
eine Flasche Nonnenfrouwe-Melissengeist holen, weil sich die Omma auch
mal ganz gerne Einen gesund genehmigt. Was bleibt ihr auch sonst noch vom
Leben, mit der Verwandtschaft?
Warum eigentlich diese ganze Beschenkerei? Nur, weil angeblich drei
Volltrottel sternhagelvoll einer Silvesterrakete durch die Pampas gefolgt
sind und auch noch Geschenke für einen frischen Wurf bei sich hatten.
Drei Kaffer aus der Wüste, wo kamen die eigentlich her, die drei?
Ja, genau, wo kamen die eigentlich her, diejenigen, die froh sein konnten,
daß das alles damals in Palästina, nicht in der Bundesrepublik
und nicht 2000 Jahre später mit Visumspflicht passiert ist. Heute
würden die drei aber ohne Prozeß gleich am Flughafen, aber zackich,
mit den Namen ... deutsche Beamte kennen da nix! Ab in den Flieger, ohne
Kamele, die kommen erstmal in Quaratäne, und wuppdich, zurück
ins wilde Wüstistan. „Geschenke“ nannten die drei Landstreicher den
mitgebrachten Krempel, und das, obwohl der Knabe mit dem ganzen Scheiß
sowieso nichts anfangen konnte. Ein Satz Windeln, ‘ne Rassel und ein Strampler
wären wesentlich sinnvoller gewesen als Weihrauch und Myrrhe, auch
für die Eltern. Abgesehen von dem 5,- Mark Goldguthaben auf der örtlichen
Serailsparkasse, mußten die zwei das ganze Geraffel erstmal umständlich
zur Pfandleihe tragen, um den unnützen Kram flüssig zu machen.
Myrrhe und Weihrauch, das waren seinerzeit die Krawatten und zusammengefaßten Buchclubeditionen
(der ganze Tolstoi in zwei Taschenbüchern, inklusive „Krieg und Frieden“
auf 40 Seiten), die man heute immer noch so gerne geschenkt bekommt. Also
für’n Arsch-Geschenke eigentlich, aber daran hat sich ja nicht viel
geändert in den letzten paar tausend Jahren. Weihnachtsgeschenke werden
ohnehin nur übertroffen von den Urlaubsmitbringseln meiner Großmutter.
Aber das ist eine völlig andere Geschichte, die es vielleicht ein
andermal gibt. Oh, ich sehe schon die Kasse, nur noch 117 Meter. Komischerweise
sind viele der heute üblichen Bräuche nicht überliefert
worden, zum Beispiel die stundenlange Parkplatzsuche, ewige Warterei an
den Kassen, weil man sich als Service jetzt sogar das Selbereinpacken sparen
kann, Weihnachtsmärkte mit zehnmal demselben Stand, Bimmelglöckchen
als vollwertige Musikinstrumente, ABM-Kindertätschler in roten Filzmänteln
und dicke Omas in noch dickeren Mänteln, die einem unweigerlich ihr
Schaufenstertempo aufzwingen, weil der Fußweg nun einmal keine vier
Meter breit ist. Hätten diese drei arbeitslosen Bänkelpropheten
auf ihren Mistkamelen lieber dem kleinen Wicht die Hand geschüttelt,
wie es sich gehört, kundgetan, daß er ganz wie der Papa aussieht
und sich dann vom Acker gemacht, uns wäre viel erspart geblieben,
vielleicht sogar, daß sich heute noch jemand an Bing Crosby oder
gar an Roger Whittaker erinnern würde.
Nach fünf Stunden habe ich es übrigens geschafft, ich war
stolzer Besitzer einer eigenen Kassiererin für wenige Sekunden, hinter
mir eine Horde vollgepackter Familienmütter, Väter, Onkels, Tanten
und anderer Inzestergebnisse. In diesem Moment war ich Kunde, ich war König
und ich ließ mir mein Waschmittel und die fünfundvierzig Dosen
Katzenfutter in Geschenkpapier einpacken, einzeln!
khs |
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