22.12.1997
 
  Ich weiß, daß es nichts mit dieser „Jahreszeit“ zu tun hat, wie fälschlicherweise angenommen wird. Es hat vielmehr mit dem „pawlowschen Reflex“ zu tun, daß die meisten Menschen ihre Grundnervigkeit und Trägheit um eine komplette Packung steigern, sobald von Weihnachten die Rede ist, X-Mas-Doping. Ich könnte wetten, daß man dasselbe Ergebnis wie im Dezember auch mitten im Sommer erzielen könnte, wenn nur irgendein cleverer Geschäftsmann auf die Idee käme, seinen Laden mit Weihnachtsmusik zu beschallen und ein paar Lichterketten in die Auslagen zu hängen. Gut 93% der Hilfshumanoiden würden sofort damit beginnen, Notgeschenke zu horten und sich stundenlang mit aufgesetzter Freundlichkeit gegenseitig den Vortritt lassen (aber nur den Leuten, die es nicht wirklich eilig haben). 
Mitten in einer Schlange, die sich aus heiterem Himmel am 22.12. in einem beliebigen Laden gebildet hat, kommt man manchmal auf solche Gedanken, ich kann einfach nichts dafür. Was soll ich machen, hier steh’ ich und bin mir nicht einmal sicher, ob es da vorne auch wirklich zur Kasse geht, Schild seh ich jedenfalls keines. So könnte es damals in der Ostzone gewesen sein, Advent, Advent, ein Kleinhirn brennt.die Leute stehen an, ohne zu wissen, was es am Ende eigentlich gibt. Sind es Autoersatzteile, Kacheln oder Kühlschränke? Egal, es muß ein knappes Gut sein, sonst würden die anderen ja hier nicht stehen. Immerhin haben die Großfamilien mit ihren zapahappeligen Rotzbälgern genau wie ich beide Arme so voll mit Eingekauftem, daß ohnehin nichts mehr in den Konsumrolls paßt, also muß es in dieser Schlange zur Kasse gehen. Ich hätte ja auch einen Wagen genommen, aber für die haben ganz Verwegene angeblich bereits die Nacht vor dem Laden kampiert. 
„Horst, hast Du an ein Geschenk für Omma gedacht?“ „Nee, ich dachte, Du ...“ Geschenke, für Leute, die einem erst beim dritten Mal Nachdenken einfallen, spitzenklasse! Jetzt darf Horst nochmal lostigern und der Ollen eine Flasche Nonnenfrouwe-Melissengeist holen, weil sich die Omma auch mal ganz gerne Einen gesund genehmigt. Was bleibt ihr auch sonst noch vom Leben, mit der Verwandtschaft? 
Warum eigentlich diese ganze Beschenkerei? Nur, weil angeblich drei Volltrottel sternhagelvoll einer Silvesterrakete durch die Pampas gefolgt sind und auch noch Geschenke für einen frischen Wurf bei sich hatten. Drei Kaffer aus der Wüste, wo kamen die eigentlich her, die drei? Ja, genau, wo kamen die eigentlich her, diejenigen, die froh sein konnten, daß das alles damals in Palästina, nicht in der Bundesrepublik und nicht 2000 Jahre später mit Visumspflicht passiert ist. Heute würden die drei aber ohne Prozeß gleich am Flughafen, aber zackich, mit den Namen ... deutsche Beamte kennen da nix! Ab in den Flieger, ohne Kamele, die kommen erstmal in Quaratäne, und wuppdich, zurück ins wilde Wüstistan. „Geschenke“ nannten die drei Landstreicher den mitgebrachten Krempel, und das, obwohl der Knabe mit dem ganzen Scheiß sowieso nichts anfangen konnte. Ein Satz Windeln, ‘ne Rassel und ein Strampler wären wesentlich sinnvoller gewesen als Weihrauch und Myrrhe, auch für die Eltern. Abgesehen von dem 5,- Mark Goldguthaben auf der örtlichen Serailsparkasse, mußten die zwei das ganze Geraffel erstmal umständlich zur Pfandleihe tragen, um den unnützen Kram flüssig zu machen. Myrrhe und Weihrauch, das waren seinerzeit die Krawatten und zusammengefaßten ... und so sehen die mühevoll eingepackten Geschenke danach aus ...Buchclubeditionen (der ganze Tolstoi in zwei Taschenbüchern, inklusive „Krieg und Frieden“ auf 40 Seiten), die man heute immer noch so gerne geschenkt bekommt. Also für’n Arsch-Geschenke eigentlich, aber daran hat sich ja nicht viel geändert in den letzten paar tausend Jahren. Weihnachtsgeschenke werden ohnehin nur übertroffen von den Urlaubsmitbringseln meiner Großmutter. Aber das ist eine völlig andere Geschichte, die es vielleicht ein andermal gibt. Oh, ich sehe schon die Kasse, nur noch 117 Meter. Komischerweise sind viele der heute üblichen Bräuche nicht überliefert worden, zum Beispiel die stundenlange Parkplatzsuche, ewige Warterei an den Kassen, weil man sich als Service jetzt sogar das Selbereinpacken sparen kann, Weihnachtsmärkte mit zehnmal demselben Stand, Bimmelglöckchen als vollwertige Musikinstrumente, ABM-Kindertätschler in roten Filzmänteln und dicke Omas in noch dickeren Mänteln, die einem unweigerlich ihr Schaufenstertempo aufzwingen, weil der Fußweg nun einmal keine vier Meter breit ist. Hätten diese drei arbeitslosen Bänkelpropheten auf ihren Mistkamelen lieber dem kleinen Wicht die Hand geschüttelt, wie es sich gehört, kundgetan, daß er ganz wie der Papa aussieht und sich dann vom Acker gemacht, uns wäre viel erspart geblieben, vielleicht sogar, daß sich heute noch jemand an Bing Crosby oder gar an Roger Whittaker erinnern würde. 
Nach fünf Stunden habe ich es übrigens geschafft, ich war stolzer Besitzer einer eigenen Kassiererin für wenige Sekunden, hinter mir eine Horde vollgepackter Familienmütter, Väter, Onkels, Tanten und anderer Inzestergebnisse. In diesem Moment war ich Kunde, ich war König und ich ließ mir mein Waschmittel und die fünfundvierzig Dosen Katzenfutter in Geschenkpapier einpacken, einzeln! 
khs
 
 
Home again!