Interessiert
drehe ich mich langsam nach links und entdecke eine einigermaßen
häßliche und ziemlich erregte Frau der unteren Hausfrauenkategorie
mit hochrotem Kopf, aus deren Mundöffnung verbale Attacken entfleuchen,
die offenbar mir gelten. Um das Ganze nicht weiter zu komplizieren, um
verzwickte Schachtelsätze zu vermeiden und diejenigen nicht zu benachteiligen,
die der schwäbischen Mundart nicht mächtig sind, übersetze
ich das Ganze quasi simultan ins hochdeutsche Sprachgut. “Sagen sie mal,
glauben sie, sie sind hier alleine? (Sagetsemolglaubetsesesinhieralloi?)”
Ich weiß, daß ich hier nicht alleine bin, was soll die Frage,
und vor allem, WAS soll sie in diesem Ton? Mir fällt keine Antwort
ein, ich bin noch völlig überrascht, daß mich hier überhaupt
jemand außer der Kassiererin (38,45) angesprochen hat und wundere
mich lieber über den geschmacklosen Wintermantel mit dem Fusselkragen,
der die Frau aber nicht weiter entstellt. “Sie sehen doch, daß ich
hier stehe.” Jetzt ja, und vorher bestimmt auch, denn sowas übersieht
man nicht so schnell. Naja, so wie man leuchtend rote Ampeln eben übersieht
oder Hunde, die auf der Fahrbahn spielen. “So eine Unverschämtheit.”
Widerliches Makeup und diese ekligen Puschelschuhe, die nur Frauen tragen,
die gerne einen Pudel hätten,
aber keinen bekommen, weil ihr “Alter” ihnen sonst den Frack versohlt.
“Jetzt aber mal langsam, gute Frau ... “ Weiter komme ich nicht. Die “gute
Frau” entpuppt sich augenblicklich als ziemliche Schabracke, die es offenbar
nicht gerne sieht, wenn man ihr widerspricht. Ich bin zwar hier aufgewachsen,
verstehe in diesem Moment trotzdem nur die Hälfte. Aus ein paar Wortfetzen,
die nicht an die restlichen Kunden im Laden gerichtet sind - die aber sowieso
nicht zuhören weil sie völlig damit ausgelastet sind, sich vor
etwaig anwesenden Bekannten zu verbergen - kann ich mir meine Schandtat
zusammenreimen. Anscheinend habe ich mich in einem der bekanntermaßen
ja ziemlich eng angelegten Gänge absichtlich zwischen sie und eine
Warenauslage gestellt, einzig und alleine nur zum Zwecke diese Frau zu
schikanieren und öffentlich zu erregen. Wenn ich mir ihren momentanen
Standpunkt ansehe, dann könnte ich sie zu keiner der beiden Auslagenseiten
zuordnen, denn die Spinatwachtel steht fast exakt in der Mitte des Ganges
(vielleicht steht sie dort immer und wartet nur darauf, daß links
oder rechts jemand sich zwischen sie und die Angebote schiebt). Nein, ich
wollte die Frau nicht schikanieren, obwohl mir das nachträglich schon
noch in den Sinn kommt, eben weil sie sich gerade so aufführt, daß
sie es nicht besser verdient gehabt hätte, hätte ich vorher gewußt,
wie sie sich jetzt verhält (was’n das für eine Zeit?). Mein beschwichtigendes,
“nun reg’ Dich mal nicht so künstlich auf, Mutter”, fällt auf
keinen besonders fruchtbaren Boden. Offenbar mißfällt ihr meine
joviale und kumpelhafte Art zutiefst, sie wird noch roter, als sie es ohnehin
ist und lauter. Vielleicht habe ich sie gekränkt, eventuell kann sie
gar keine Kinder kriegen und ich habe genau in diesem Moment ihren wundesten
Punkt getroffen, der sie viel tiefer schmerzt als mein rüdes “Dazwischentreten”
zwischen sie und das Sonderangebot, mit einem einfachen “Mutter”. Oder
war es doch das “Du”, das vielmehr Gesprächsbereitschaft signalisieren
sollte als Mordlust erwecken? Die Flüche der Frau beinhalten neben
urschwäbischen Haßtiraden, altdeutschen Verwünschungen
und einigen längst vergessen und verbrannt geglaubten Flüchen
aus diversen Hexenküchen auch mongolische Kriegsgesänge sowie
derbe Ausfälle aus serbischen sowie iranischen Flüchtlingslagern.
Händeringend sucht das Weibchen um Beistand, von (fast unsichtbaren)
anderen Kunden im Laden. Aber die zwei Frauen auf der anderen Seite machen
keine Anstalten, sich mit ihren Salatgurken auf mich zu stürzen oder
mit ihren Einkaufswägen zu Tode zu rollen. Die eine schüttelt
den Kopf, packt einen der billigen Atlanten in ihren Wagen, nur um ihn
dann wieder auf den Grabbeltisch zurückzuwerfen, die andere zieht
ihr hübsches Kopftuch zurecht und zieht von dannen. In diesem Moment
beschließe ich, daß es mir zu bunt wird und ich keine große
Lust habe, die Frau in irgendeiner Form weiterzuärgern. Ich frage
höchlich, ob sie gepflegt eine auf ihre Nahrungsmittelzufuhröffnung
(ugs.: “Maul” (siehe auch -> Fresse) beziehen möchte und merke noch
an, daß dieses wohl die falsche Art wäre, männliche Aufmerksamkeit
auf sich ziehen zu wollen. Ich hätte die Frau nie schlagen können,
unabhängig davon, daß ich grundsätzlich keine Frauen schlage,
bei dieser hier hätte ich zudem noch Angst gehabt, daß sie sich
augenblicklich grün einfärbt und anschließend den Laden
zerlegt. |