Früher, im Wilden Westen ...
...war alles viel besser! Zu der Zeit hätte ich ab und an gerne mal kurz gelebt. Neulich, ich war bei ALDI einkaufen. Ja, wir haben jetzt auch einen ALDI, wie jede anständige Kleinstadt. Und seit ich weiß, daß auch Elke Sommer bei ALDI einkauft, kauf ich da auch viel lieber als vorher ein. Obwohl, Elke Sommer lebt ja in Los Angeles, was ja in Amerika liegt und da gibt’s scheinbar auch ALDI, jedenfalls hat sie das gesagt. Der Sekt dort soll mindestens genauso gut sein wie ein vergleichbarer, der nicht “hergestellt für ALDI” auf dem Etikett hat. Und weil Elke dort einkauft, die ja zu den reichen Leuten gehört, oder wenigstens zur High Society, kauf ich dort ein, obwohl ich nicht reich bin und auch zu keiner Gesellschaftscreme gehöre.
Auf alle Fälle war ich bei ALDI, hatte den leckeren Hefezopf unter dem Arm, ALDI my DAY!übrigens den letzten, den es gab und schlenderte gedankenverloren durch die adrett ausgestellten Warengüter, immer den Blick nach oben auf die Preise gerichtet, da spricht mich eine Stimme von hinten an. “Sprechen” ist nicht unbedingt das richtige Wort für die schrillen Töne, die mir in meine Gehörgänge drangen. “Stereo” denke ich und verarbeite das aufgenommene Tonsignal. “Gilt nicht mir, ich bin alleine da und kenn hier bestimmt keine Sau.” Wer einmal in den Läden der Gebrüder Albrecht eingekauft hat, der weiß, daß dies nicht der Ort für freudige Wiedersehensbekundungen, kleine Schwätzchen oder Familienfeiern ist. Bei ALDI möchte keiner gerne gesehen werden, bei ALDI is’ billich, da kauft man ein, macht seine Schnäppchen oder besorgt sich dort die Sachen, die man später daheim in die teuren Flaschen umfüllt, aber heimlich. Das Gros der Leute, die hier freiwillig oder unfreiwillig einkaufen, aus Trend oder Überzeugung, aus Sparsamkeit oder Geiz, getrieben von der knappen Haushaltskasse oder dem viel zu großen Auto, das eigentlich der Bank gehört, steht nach Betreten dieser stilvollen Nutzbauten im honeckerschen Regalinterior unter einer ungeheuren Anspannung. Im Sexshop die größten Schweinereien kaufen, kleine japanische Freunde mit 2Kw-Leistung und eigenem Generator, 15 Kilo Videoneuheiten und eine kleine Flasche Natursekt vom Grabbeltisch sind kein Problem, da geht man sogar mit Geschäftskollegen hin, um anzugeben wie ein halbnackter Ostseeinsulaner. Aber beim Einkauf im ALDI erwischt werden, womöglich noch von der Nachbarin, undenkbar! Also, das kann ja nicht mir gelten, wie gesagt, und mir sind meine Nachbarn sowieso scheißegal - außer, wenn sie zu nächtlicher Stunde wieder die Weihnachtskellys auflegen oder sturzbetrunken das ganze Treppenhaus vollbluten, nur weil sie am Stammtisch wieder mal die Klappe zu weit aufgerissen haben. Was heißt das “19,98”? Und da ist wieder dieser schrille Ton. Ich suche systematisch aus den Augenwinkeln meine Umgebung nach tobenden Rotzblagen ab, in der Erwartung, hinter mir eine entnervte Mutter bei ihrer pädagogischen Wertarbeit entdecken zu dürfen. Keine Kinder, stattdessen ein widerlicher Redeschwall im 8 Kiloherz-Bereich! Irgendwo wird eine H-Milch sauer.
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