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Ein Sanitätsgeschäft ist eine würdelose Angelegenheit.
Umgeben von älteren Menschen, die zum Großteil naphtalingetränkte
Stützstrümpfe und Vorkriegsmode auftragen, kommt man sich erst
einmal ziemlich verloren vor, so ohne Krückstock, Gehhilfe, Blindenhund
oder einer Kombination aus allem. Aber man gewöhnt sich ja schnell
an alles und harrt einfach der Dinge. Nachdem ich doch noch etwas früher
an die Reihe kam als erwartet, weil die zwei umittelbar vor mir stehenden
Rentner ein früher Tod ereilte (der Erste hatte einen Herzanfall und
erwischte den Zweiten im Fallen, mit einer gekonnten Halbdrehung noch mit
seinem Krückstock), bekam ich recht zügig eine Ex-Krankenschwester
zugeteilt, die sich um meine “Gebrechen” kümmern sollte. Wir hatten
zuerst etwas Verständigungsschwierigkeiten, weil sie mich zuerst für
einen Verirrten hielt und danach für einen Zivildienstleistenden,
der seinen Pflegefall offenbar in der Fußgängerzone hatte stehen
lassen. Nachdem ich dann aber eine leicht gebückte Haltung angenommen
hatte und zahnlos zu nuscheln anfing, war auch ich im Boot. “Sportverletzungen”
war offenbar ein wenig gefragtes Thema, denn bis wir an der Kiste mit den
gewünschten Utensilien waren, mußten einige Ausstellungsstücke
neu zurechtgerückt werden. Aber immerhin, es gab sie, in allen Größen
und Colorationen (hautfarben, rosa, zartpink, dreckigbraun, vergilbtalt
und in schweinchenfarben). Hier waren Sonderwünsche angebracht! So
verlangte ich denn nach einer Oberschenkelbandage, die mit Silikonstreifen
ausgestattet sein sollte, um unerwünschtes Rutschen während der
zügigen Fortbewegung zu vermeiden (die andere Alternative wäre
Sekundenkleber oder doppelseitiges Teppichklebeband gewesen). Aber hier
ist der Kunde noch König. Silikon? Kein Problem (grauschwarze Bandage)!
Und dann sah ich das heimtükisch versteckt angebrachte Preisschild.
138,- DM!!! Bin ich rüstig mit Kriegswitwenrente? Hab‘ ich Gutscheine
von der Krankenkasse? Jetzt einen Kaufrückzieher mit der Preisbegründung
machen und ich bin tot! Haben sie das nicht in hellpink mit Rüschen?
Wissen sie, ich brauche das für mein Männerballett. Nicht? Aha,
schade, wirklich! Und nichts wie raus. Eins ist klar, solange diese Frau
dort ihr Brot verdient, darf ich unter gar keinen Umständen das Rentenalter
erreichen. Lieber jung sterben, aber nur nicht alt und gebrechlich werden.
Zwei ham wir noch, davon ein Sportgeschäft im Karstadt. In der Ladenzone
war da doch tatsächlich noch ein weiteres ganz neues Geschäft,
in der Ecke, wo vorher der Sexshop war (wahrscheinlich wird nicht mehr
gefickt, also ist der pleite gegangen). Den Besuch hätte ich mir schenken
können, die hatten nicht einmal einen Ball. Individualsportarten wie
Bodybuilding, Extremsteroiding und Öleinschmiering gab es bis zum
Umfallen, sogar Sportgeräte (von denen ich wahrscheinlich nicht einmal
die Hälfte in Portionen hätte anheben können), aber für
sportgeplagte verletzungsanfällige Kollegialsportartler war hier kein
Platz (verdammtes Herdenpack). Fehlt nur noch der Aufkleber vor der Tür:
“Keine Hunde und keine Teamsportartler!” Die Gewichte sollen Euch auf die
Füße fallen, ihr kleinhirnigen Anabolikafresser. Und Karstadt?
Die sonst immer trendferne Sportabteilung hatte sich gemausert – wahrscheinlich
hatten sich die Aktionäre einmal zu Wort gemeldet, weil hier noch
keine Dividende abgefallen waren – und war nun bei allen Trendsportarten
bestens vertreten. Wieder jede Menge Sand für die Heimbeach, Cocktailgläser
für die Zuschauer, Badminton in allen Preislagen, Laufräder für
den Heimmarathonesen und Rollerblades mit Stützrädchen für
die ganz Blöden. Nicht zu vergessen, diese allgegenwärtigen kleinen
Aluminiumassoroller, auf denen sich sogar Erwachsene zum Volldeppen machen,
wo doch jeder halbwegs normalgebildete Mensch weiß, daß ein
Roller rot sein muß, einen Wimpel und eine breite Trittfläche
besitzt, außerdem haben richtige Roller weiße Reifen, die die
Luft verlieren, wenn man über einen rostigen Nagel fährt. Die
aufdringliche Ladenhilfe habe ich mit den trendy Baseballschlägern
solange traktiert, bis sie zugeben mußte, daß es in der Stadt
keine einzige Baseballmannschaft gibt und sie diese Schläger nur für
Spinner mit amerikanischem Spleen und prügelgeile Neonazis im Sortiment
führt. |
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