Ich hätte es nie zulassen dürfen, denn von
da an ging alles Schlag auf Schlag. Das Vieh stand fortan im Mittelpunkt
unserer einst zweisamen Beziehung, es konnte krank werden, war liebesbedürftig
und in einem viel zu kleinen Käfig untergebracht. Zur besseren psychologischen
Beurteilung mußte selbstverständlich eine zweite, eine dritte
und eine vierte Meinung eingeholt werden, was nichts anderes bedeutet,
als daß wir nun sämtliche auf dem Markt erhältlichen Hamsterpflegebücher
besaßen, die irgendwie käuflich zu erwerben waren, sowie eines
über “Rennmäuse”, das in der ganzen Hektik irgendwie dazwischen
geraten sein mußte. Alles in allem sieben Bücher, wovon zwei
zwar verschiedene Umschläge hatten, aber inhaltlich völlig identisch
waren. Grob überschlagen gab es die Gesamtkollektion zu einem Vorzugspreis
von “nur noch” 75,60 DM. Mit dieser Fach-
literatur im Rücken wurden erst einmal grundlegende
Untersuchungen vorgenommen. Zuerst war die Geschlechtsbestimmung dran,
eine Prozedur, die, so einfach sie auch sein mag, in mir das Vertrauen
in den Mitbewohner ein für allemal zerstörte. “Eric” entpuppte
sich als “Erika”, eine Täuschung, die ich so nicht hinnehmen wollte
(aber mußte). Von nun an war ich in der geschlechtlichen Unterzahl,
zwei Frauen gegen einen und nicht mehr mehrheitsfähig im Falle einer
Abstimmung, weil Frauen bei sowas ja immer zusammenhalten. In der zweiten
Stufe bestanden beide Frauen auf eine geräumigere Unterbringung der
felligeren Hälfte von beiden, nämlich in einem größeren
Wohnraum. Der alte Käfig war von nun an nicht mehr geräumig genug
und glich, so wörtlich, einem “Hamster-KZ”. Na gut, das konnte ich
natürlich nicht auf mir sitzen lassen, einen Hamster mit artungerechter
Internierung derart zu quälen. Bei einem “günstigen” Kauf auf
einem Polenmarkt nahe Görlitz erstand ich einen Großkäfig,
den mir der polnische Landsmann erst nach langem Zureden und etlichen Eingeständnissen
überlassen wollte. Ich: “Hamsterkäfig?” Er: “Diese hier.” Ich:
“Nein, zu klein, wie wär’s mit dem da?” Er: “Nein, ist für Chase,
diese hier Chamster!” Ich: “Nein, nein, der ist zu klein, ich will den
großen!” Er: “Nein, nix, ist für Chase, diese hier richtig!”
Und so weiter und so fort. Am Ende bekam ich den “Chasekäfig” zum
wahnsinnigen Vorzugspreis von schlappen 110,- Devisenwestmark. Die paar
Pfennige für die Jodtinktur lassen wir lieber unerwähnt, schließlich
habe ich ihn mit meiner Rechten schwerer erwischt als er mich mit seinem
Messer. Der Verkäufer wollte nicht schon wieder in den Knast, ich
bekam keinen Ärger mit der ortsansässigen Polizei, und die Gemüter
waren nun einmal kurzfristig etwas überhitzt gewesen, also haben wir
uns darauf geeinigt, uns nicht gegenseitig anzuzeigen. Von meiner Seite
aus war das eine vernünftige Entscheidung, schließlich hatte
ich aufgrund meiner fehlenden grünen Versicherungskarte einiges mehr
zu verlieren als der Händler, der neben seinem Tierzubehör auch
Waffen aus alten Sowjetbeständen, unverzollten Alkohol und allerlei
Raubkopien verkaufte. Von der familiären Mißstimmung, die der
Transport des italienischen Qualitätsproduktes auf dem gesamten Rücksitz
des Autos verursachte, will ich nicht großartig reden, mußten
eben zwei mit dem Zug fahren statt mit uns. Nicht vergessen möchte
ich in diesem Zusammenhang allerdings die komplette Durchsuchung unseres
Fahrzeuges, weil die deutschen Grenzer beim Anblick des Käfigs wohl
annehmen mußten, daß wir Karnickel schmuggeln würden.
Auf die Frage nach “Karnickeln” und meine Antwort “Hamster” war die Zerlegung
des Wagens beschlossene Sache. Sie fanden zwar keine Karnickel, dafür
aber zwei Stangen Zigaretten zuviel (die selbstverständlich den Leuten
gehörten, die wegen dem Käfig mit dem Zug fahren mußten).
Aufrauchen? Nein, Strafe zahlen! Nochmal 100,- Lappen, aber nur, weil wir
so lange im Regen gestanden hatten, sonst wäre es uns teurer zu stehen
gekommen. Eine Woche später habe ich denselben Käfig übrigens
in einer zoologischen Handlung in Ludwigsburg entdeckt, zum selben Listenpreis.
Erika war selbstverständlich beeindruckt von ihrem neuen Zuhause und
nahm zum Zeichen, daß sie sich wohlfühlte, noch einmal kräftig
zu. Das hatte zur Folge, daß ein neues Häuschen und ein anderes
Laufrad angeschafft werden mußten, weil die alten schlicht zu “klein”
geworden waren, 37,80. Beide Neuanschaffungen erwiesen sich allerdings
sehr schnell als Fehlinvestitionen. Das Rad hatte zu große Abstände
zwischen den Speichen und Erika war zu dämlich, das neue System zu
erlernern, so daß sie ständig zwischen den Dingern durchtrat.
Das Häuschen seinerseits war aus einem Stroh-Drahtgeflecht und nach
nur einer Woche aufgefressen - eine noch unverstandene erste Demonstration
ihrer Nagekünste und Gefräßigkeit übrigens. Ein anderes
Rad und ein stabiles Häuschen, 42,50. Zu dieser Zeit wurde auch das
Futter umgestellt. Es gab jetzt nicht mehr länger einfache “Grundnahrung”
und “Tischreste”. In den Büchern stand irgendwo etwas von einer “gesunden”
und “ausgewogenen” Ernährung. Fortan wurde deshalb auf eine “ausgewogene”
Mahlzeit geachtet, was nichts anderes hieß, daß der Hamster
mehr Vorräte hatte als unser Kühlschrank, von der “Abwechslung”
bei den Mahlzeiten mal ganz abgesehen. Ganz hinten versteckt, irgendwo
im Kleingedruckten, stand übrigens auch zu lesen, daß ein Hamster
bei normaler Pflege eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa zwei
Jahren hat. Soviel Aufwand für einen kleinen Scheißer, der nach
nicht einmal 24 Monaten den Löffel wegwirft? Was mache ich, wenn das
Vieh stirbt und noch Futter übrig ist? Womöglich kommt noch einer
auf die Idee und schenkt der Verblichenen gleich noch ein Exemplar hinterher.
Trotz meiner Bemühungen, die Vorräte von Erika so niedrig wie
nur möglich zu halten, kam der durchschnttliche Wochenverbrauch an
“Frischnahrung” wie Karotten, Salat, Studentenfutter und Körner aus
dem Reformhaus, sowie der monatlichen Hamsterfuttereinkaufsorgie im zoologischen
Fachhandel (Drops, Kräcker, Biscuits - alles Dinge, die ich NIE zu
essen bekam) auf durchschnittlich 9,50, das x 104 Wochen durchschnittlicher
Lebenserwartung (das Vieh hielt selbstverständlich bis ganz zuletzt
durch, sogar etwas länger). Hört sich vielleicht etwas viel an,
aber wer einmal ein Kleintier besessen hat, der weiß durchaus, was
man in einer Zoohandlung liegen läßt, wenn man seine Freundin
dabeihat, die selbstverständlich ganz genau weiß, was einem
Hamster so alles schmeckt. Insgesamt 988,- DM alleine für das Futter.
Hamsterstreu und vollverdauliche Hamsterwatte gibt es auch nicht geschenkt,
hmm, 4,50 für 20 Liter, Watte, uiui, grob über den Daumen gepeilt
hat das holzverarbeitende Gewerbe für seine Hobelabfälle eine
Menge an Beseitigungskosten gespart, und die Wolle wird für den Preis
hoffentlich handgenüpft gewesen sein. Durchschnittlich sollte man
(laut den Handbüchern und Bedienungsanleitungen) einen Käfig
mindestens alle drei Wochen reinigen. Dabei geht ein kompletter Beutel
Hamsterwatte und etwa ein Drittel des Streus drauf, macht für ein
gesamtes Hamsterleben zusammen kurz mal schlappe 217,- Hebel, nur für
Sägespäne und Kissenfüllmaterial. Schön, wenn es bei
diesen Grundbedürfnissen geblieben wäre, das hätte ich noch
verkraftet, zumal es ja nicht auf einmal, sondern auf Raten abstotterbar
war. Erika erwies sich als feister Nager und knabberte, obwohl sie genug
zu fressen bekam, erst einmal die Halterung des Trinkgefäßes
durch. Gut, kauft man für 9,50 eben ein anderes, für das sie
aber zu blöd schien. Denn obwohl selbst dröge Karnickel das System
begreifen, Erika verdurstete lieber, als an dem Röhrchen zu saugen.
Alles Zureden half nichts, selbst Nachhilfekurse waren vergeblich, sie
wollte nicht. Kein Problem für mich, immerhin wäre das unter
die Kategorie “Freitod durch Wasserabstinenz” gefallen. Aber ehe ich mich
versah oder auch nur protestieren konnte, waren weitere 4,95 Geld für
eine Trinkschale investiert, die selbstverständlich sofort akzeptiert
wurde. Und Erika wuchs nebenher fast unbemerkt weiter. |