. Neulich hatte ich anläßlich einer Familienfeier wieder einmal das Vergnügen, mit dem Teil der Verwandtschaft in Berührung zu kommen, die mein Vater mit in die Beziehung meiner Eltern gebracht hat: Wirtschaftsflüchtlinge aus den fünf annektierten Bundesländern. Ich sage mit Absicht nicht “neue”, weil ich von früher Jugend an meine Ferien entweder an Stränden im Süden oder im nahen Osten bei der Verwandtschaft verbringen durfte und das alles für mich gar nicht so „neu“ ist. Fakt ist: die waren schon vor der Maueröffnung da! Früher war es Pflicht, daß der verlorene Sohn - mein Vater ist über die damals noch nicht ganz dichtgemachte Grenze an Welcome to the RodeoSelbstschußanlagen und verminten Streifen abgehauen, statt seine Ausreise mit der Besetzung der westdeutschen Botschaft in Prag zu erpressen - seine zeitweilige Rückkehr mit selbstmitgebrachtem Faßbier feiern mußte. Heute gibt es das Faßbier auch drüben und der verlorene Sohn ist nicht mehr länger Klassenfeind, der Neffe aus dem Westen nicht mehr länger auf eine Meile gegen den Nebel erkennbar, nur weil er eine Jeansjacke trägt. Vermissen tu ich das ganz gewiß nicht. Was ich vermißt habe, waren einige der Leute, die früher beim Saufen und Feiern immer mit in vorderster Front waren. Die Damen und Herren werden heute nicht mehr so gerne eingeladen, weil sie früher (vor der Wende) noch im Vollrausch ihre Berichte für das Ministerium verfaßt haben. Na danke, Gummiohren von der Firma Guck und Horch! Heute kommen sie nur noch uneingeladen und müssen froh sein, wenn sie überhaupt etwas zu trinken bekommen.Erich H.:Visionär, Surfer, Provider, Saarländer und Cybersexbrillenträger!
So war auch ein entfernter Onkel vierten oder sechsten Grades uneingeladener Gast bei dieser Feier (bei Beerdigungen ist man ja nicht so wählerisch), der mir von früher in guter Erinnerung geblieben war, weil er immer die besten Stasiwitze kannte und auch sonst wußte, wo man die saftigsten Äpfel klauen konnte (klar, mit den nötigen Hintergrundinformationen). Wie er so abseits und ganz alleine fernab von dem Rest der Rasselbande saß, tat er mir doch ein wenig leid, trotz seiner Tätigkeit für den Laden von Onkel Mielke hatte das bei diesem Anlaß keine Sau verdient, daß man sie links liegen ließ, und so setzte ich mich zu ihm.
Wir kamen ins Gespräch, er erzählte mir von seinem Job bei einer Sicherheitsfirma, die immer gute Fachkräfte brauchen könnte, daß seine Kinder nicht mehr mit ihm reden würden und so weiter. Im Großen und Ganzen hatte er aber noch Glück gehabt, andere aus seiner Gruppe hatte man seinerzeit am nächsten Laternenpfahl aufgeknüpft, er lebte. Wir kamen auf meinen  Werdegang und später zwangsläufig auf meine Tätigkeit, die viel mit Computern zu tun hat, zu sprechen. Er zeigte sich äußerst interessiert und wir blieben beim Thema. Meine halb der Höflichkeit wegen gestellte Frage, ob er über einen Internetzugang und eine E-Mail-Adresse verfügen würde, quittierte er mit einem breiten Grinsen und dem Satz: “seit über 35 Jahren, Jungchen.” Er steckte mir eine Visitenkarte zu und verließ bald darauf die Trauergesellschaft, die inzwischen zum gemütlichen Teil und 15-Zoll Monitor aus VEB-Produktion mit PC-TV/Video-Kartedem Buffet übergegangen war. 
“Seit 35 Jahren!”, der Satz ging mir erst zwei Tage später auf der Heimreise auf, was sollte das für ein Scherz sein, vor 35 Jahren hatte es noch nicht einmal die ersten Gehversuche der Verbindung zwischen zwei Rechnern gegeben. Nach meinem Wissen war das erstmals 1969 in den USA gelungen, was später zum Aufbau des “Arpanets” führte, aus dem sich nach und nach das Internet entwickelte. 
Zu Hause angekommen, war mein erster Gang zum Rechner. Ich kramte die Adresse heraus, die mir mein entfernter Verwandter gegeben hatte und schrieb ihm eine Mail, in dem ich um die Pointe seines offensichtlichen Scherzes bat. Es gab nur keine Pointe!
Am nächsten Tag erhielt ich zuerst eine kurze Mail, in dem mir sein persönlicher Schlüssel für ein mir bis dahin unbekanntes Verschlüsselungsprogramm mitgeteilt wurde. Das Programm erhielt ich zwei Tage später, ebenfalls per E-Mail, abgeschickt aus einem Internetcafe in Liberec, das kurz hinter der Grenze in Tschechien liegt. Weitere zwei Tage später bekam ich dann endlich seine Antwort, an der ich beinahe eine halbe Stunde zu laden hatte und die mir wahrlich die Sprache verschlug.
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