... born again!
Welche Chancen, welche Möglichkeiten dem bisher Ungewanderten doch entgangen sind. In einem vorherigen Leben waren die meisten Menschen all das, was sie heute nicht sind. Der arme Berufsstudent war ein reicher Alchemist mit Erfolg und Abschluß nach vier Semestern, die Hairstylistentunte war in ihrem früheren Leben ein Lederkerl mit einem Pelz auf der Brust und das Mauerblümchen aus der dritten Büroetage eine Konkubine der dritten Am-ber-Lynn-Dynastie. In der Wiedergeburt stehen einem Tür und Tor offen. First comes, first serve und gedrängelt wird nicht. Die ehemaligen Berufsschizos haben damit endlich eine reele Chance, der Klapse zu entkommen. Das, was sie gerne sein würden (Hamlet, Bonaparte oder meintewegen auch mal ein Julius Cäsar) ist kein Problem mehr, wenn sie es nur Graf Rotz, real und true until Erschiessung!rechtzeitig in irgendeiner Talkshow publik machen (“ich war Jean Gabin, erster alles ohne Streit”, und ruckzuck muß sich der zweite Talkgast nach einer neuen Identität umschauen). Man glaubt es kaum, was sich da so alles tummelt, Fürsten, Zaren, Zofen, Ritter, Kaiser, Gelehrte, reiche Kaufmänner, betuchte Folterknechte, Edelnutten, Konkubinen, Rittmeister, Don Juans und sogar Schriftgelehrte. Alles vom Feinsten, die creme de la creme. 
Ja wirklich, und das ist es, was die Sache so stinken läßt und diese Ex-Elite so überriechend macht. Angesichts der derzeitigen Re-Inkarnationen, der ehemaligen Führungsriegen, die sich heute als Putzhilfen, Buchhalter, Sachbearbeiterinnen oder Hausmänner manifestiert haben, bleibt eine Frage ungeklärt. Warum hat nur eben diese Kaste ein Recht auf Wiedergeburt? Oder kann sich irgendwer an einen ehemaligen Knecht oder an einen Pestkranken erinnern? Werden diese Vorleben nur totgeschwiegen, oder warum gesteht keiner mal: "Entschuldigung, Hoheit, ich war Ihr Hofnarr, den Sie damals zum Spaß und zur allgemeinen Belustigung einer ausgehungerten Meute Wachhunde in den Käfig geworfen haben. Danke auch noch, war schon ein Scheißleben damals." Aber nein, stattdessen hört man nur: "Also, ich war in einem früheren Leben König Arthur und hatte also dieses furcht-bar, teu-re Schloß, einen ganzen Batzen sünd-haft e-dle Ritter, diesen riesigen Tisch und jede Menge scharfer Ritter, wissen Sie." Ob der Knabe als Arthus auch schon wie ein nasser Otter nach billigem Parfüm gestunken hat und statt hinter Genevra lieber den Kammerjünglingen hinterhergechelt ist, wer weiß und wer will das wissen? Vielleicht deswegen die Liason mit diesem Lancelot, immerhin würde das schon einiges erklären. 
Trotzdem, wir finden nur die Edlen der edelsten Aristokraten, die Essenz der Wissenschaften und einen Bodensatz an völlig stumpfsinnigen Wunschvorstellungen. Der Bänkelspinner, für den die Revolution heute bedeutet, alles, aber auch alles auszudiskutieren (faltet der Revolutionär der 90er das Klopapier oder knüllt er es mit einem feisten Lächeln auf den Lippen und dem Satz Ja leck mich doch ... ich war zwei Öltanks und ein Götz!“ha, euch scheiß ich was”), zu differenzieren und manifestieren, war auch in seinem früheren Leben ein Mann der Bewegung. Bitteschön, dann aber nur vom Feinsten, vielleicht Lenin, oder Spartakus, Robespierre wäre nicht schlecht, Che geht gerade nochmal durch. Alles, nur kein fusselbärtiger russischer Nihilistischer aus Petersburg, der seinen Suizidklub versehentlich beim Herumhantieren mit einer selbstgebastelten Bombe in die Luft gejagt hat. 
Verdammt, wo bleibt die Arbeiterschicht, die Gefolterten, die Galeerensklaven, Bäcker, Maurer, die Prostituierten (nicht die Edelnutten, die Prostituierten, die sich bei einem Seemann Syphillis zugezogen haben, die meine ich, Edelnutten haben wir schon genug), Ex-Pestkranke, schlechte Barden, die zur Volksbelustigung mit Leim bestrichen aus dem Dorf gejagt wurden? Wo sind die Geständnisse "ich, hallo, ich war der Dorftrottel und bin anno 1641 von einem gemeinen Feldhamster mit Tollwut infiziert worden"? Das sind ehrbare Berufe, aber wer will das schon? Geht ja auch keiner als Willi Winzig aus der Buchhaltung auf den Fasching. Das reizt nicht, damit kriegt man keine Bräute und Geschichten aus der Buchhaltung interessieren auch nur Buchhalter.
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