... born again!
 
Wer sich einmal mit Esoterikbüchern beschäftigt hat, um sich über die Materie zu informieren, der wird sehr schnell festgestellt haben, worauf es in der Hauptsache bei diesen Druckwerken ankommt, nämlich möglichst wenig Gehalt mit vielen blumigen und möglichst nichtssagenden Phrasen auf verteufelt vielen Seiten mit einer minimalen Anzahl Worten und einer optimalen Lesefreundlichkeit zu vermitteln (das trifft übrigens auf alle Bücher der Gattung “Esoterik” zu!). Im Klartext bedeutet das: ein ziemlich teures dickes aber repräsentatives Buch, das auf einer unverhältnismäßig hohen Anzahl wenig Druckerschwärze verbraucht, um etwas mitzuteilen, das man, die zahlreichen Bilder und Illustrationen mal abgezogen, auch auf einer 10-seitigen Broschüre hätte mitteilen können (in manchen Fällen würde schon ein einseitig kopierter Zettel reichen, aber wer kauft sowas?). Wenn ein Autor nur Stoff für zehn Seiten und ein Kapitel hat, dann beginnt er zu unterteilen und Kapitel zu bilden, in welchen er jeden Landstrich gesondert auf die einzelnen Phänomene untersucht, um am Ende das zusammenzufassen, was er in der Einleitung bereits schon einmal formuliert hat (rekursiv nennt man das, oder aber “Leitmotiv”, wenn man sich in jedem dritten Satz wiederholt). Im Falle eines Buches über Wiedergeburt und Seelenwanderung würde es in etwa folgendermaßen aussehen: Titel, Vorwort des Ich war mindestens ein Araberhengst! Oder vielleicht sogar zwei!!!!Herausgebers, Vorwort des Autors, einleitende Worte des Grafikers mit einer Anmerkung des Druckers, Grußwort der Lebensgefährtin des Herausgebers, ISBN-Gerümpel, Titelwiederholung, Seelenwanderung, Wiedergeburt, Seelenwanderung in Oberbayern, Wiedergeburt in Oberbayern, Seelenwanderung durch einsame Bergtäler, usw. Am Ende steht dann nach ca. 268 langatmigen, vorwiegend weißen Seiten, die Zusammenfassung (das Résumé oder auch Fazit) und damit exakt dasselbe wie in der Einleitung. Aber soweit liest eigentlich kein eingefleischter Esoteriker, denn er weiß, daß er lediglich die Einleitung und die Grußworte der Lebensgefährtin des Heruasgebers lesen muß, um über den Rest des Buches Bescheid zu wissen. Abgerundet wird das Ganze durch ein Quellenverzeichnis (wo alle Bücher und befreundeten Autoren genannt werden, die man nennen muß, mit Ausnahme der Bücher, von denen man 1:1 abgekupfert hat – jeder Durchschnittstudent weiß, wovon die Rede ist) und einen hübschen Umschlag, den man von einer geistig behinderten Grafikerin mit der rechten Hand hat malen lassen (der Entwurf der mongoloiden Schülerin, die mit dem Nabel malt, weil sie mit dem Mund die Farbpalette halten muß, war zwar schöner, aber leider leider nur halb so exquisit, außerdem ist die Grafikerin zufällig auch noch die Schwägerin des einzigen Bruders, oder so ähnlich).
Ist also nun der Fall eingetroffen, daß ein neues Buch zum Thema erschienen ist, bei dem der Herausgeber nicht vergessen hat, seine Lebensgefährtin zu Wort kommen zu lassen und bereits auf den ersten zwei Seiten alles zu schreiben, worauf es wirklich ankommt, dann vollzieht sich das, was der Fachmann als "historischen Pillenknick" bezeichnet: Das Buch findet Käufer und damit Leute, die behaupten, das Buch gelesen und sich dann auch noch prompt darin wiedergefunden haben. 

Was nun früher da war, der zufriedene Wiedergeborene von nebenan oder das Buch, nach dem er wiederum über die Chancen erfahren hat, die ihm durch eine Wiedergeburt offen stehen, kann getrost vernachlässigt werden, denn wie im richtigen Leben beißen sich nicht die Ursachen, sondern die Auswirkungen miteinander; und das ist letztendlich der Wiedergeborene an sich (angloamerikanisch: “natural born reborn”).

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